Politische Korrektheit ist nicht das Problem

Am Mittwoch dem 26.10.16 war ich Gast beim 27. EuropaAbend in Hamburg. Dort hielt Günther Oettinger eine Rede über Wirtschaft und Solidarität im digitalen Zeitalter – wie sichern wir Europas Zukunft?.

An meinem Tisch saßen überwiegend Männer geschätzt zwischen 40 und 70 Jahren und ein paar Frauen zwischen 35 und 60 Jahren. Das Tischgespräch war etwas langweilig, der Gesprächseinstieg lief über die Frage, was für ein Unternehmen man hat. Einige kannten sich wohl schon länger und tauschten sich über Sport, Urlaubsreisen oder die Auslandserfahrungen ihrer Kinder aus. Mit einer Anwältin sprach ich über Strategien in der Zusammenarbeit mit Männern. Der Abend mit gutem Wein und leckerem Essen zwischen wohl situierten Menschen mit hohem Bildungsniveau hätte unspektakulär nach dem Dessert enden können.

Dann aber kam Oettingers Rede. Vor einigen Jahren hatte ich im gleichen Rahmen eine Rede von Wolfgang Schäuble gehört. Ich war damals überraschend begeistert gewesen. Es besteht für mich nicht die Notwendigkeit, politisch mit jemandem übereinzustimmen, um beeindruckt und bewegt zu sein. Schäubles Rede war ein intelligenter Ritt durch die Historie Europas, ein Plädoyer für Frieden, Einigkeit und Respekt. Auf dieser Ebene finden wir einen gemeinsamen Nenner. Einen Nenner, der essentiell ist, für ein Europa, in dem ich leben möchte.

Oettinger muss man lassen, dass auch er hinter einer gemeinsamen europäischen Idee steht. Dann aber lässt er alles missen, was ich von einem Politiker erwarte, der auf einer hohen Position mit der Umsetzung dieser Idee betraut ist.

Kompetenz (in digitalen Themen, seinem Ressort):

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Respektvoller Umgang mit Menschen und das Wissen darüber, dass rassistische, sexistische und homophobe Witze nicht witzig sind und Menschen verachten und kränken:

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Als ich darüber twitterte, gab es einiges an Feedback aber nichts Weitreichendes. Glücklicherweise wurden Teile der Rede auch von Sebastian Marquardt gefilmt und als YouTube-Video online gestellt. Dies führte dann tatsächlich dazu, dass das Thema medial aufgegriffen wurde. Und auch Oettinger reagierte endlich. Seine Erklärung zeigt aber vor allem sein fehlendes Problembewusstsein. Auch hiermit beweist er, eine Fehlbesetzung in der europäischen Spitzenpolitik zu sein.

Aber Oettingers Rede war nicht das, was mich an diesem Abend am meisten verzweifeln ließ:

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Während der Rede wurde – nicht von allen und anfangs auch noch zurückhaltend – viel gelacht und geklatscht. Und zwar genau an den Stellen, an denen Oettinger die Grenzen von Anstand und Respekt überschritt. Insofern stimmt es, wenn er gegenüber der Welt sagt:

„Auf der Veranstaltung habe ich viel positiven Zuspruch bekommen.“

Am Tisch kam es nach der Rede zu einer Diskussion. Viele am Tisch hatten sich bestens amüsiert über die Witze Oettingers, einige schwiegen betreten oder äußerten ihre Kritik nur im direkten Gespräch. Ich kritisierte, – gerichtet an die ganze Tischrunde – dass ich einen großen Widerspruch in der Rede sehe. Wie können wir als Europa für ein humanistisches Weltbild christlich-jüdischer Prägung stehen, wenn dieses die Verhöhnung diverser Gruppen beinhaltet? Das europäische Weltbild, das ich meinen Kindern vermitteln möchte, beinhaltet Anstand, Toleranz und Respekt. All das war nicht Bestandteil der Rede Oettingers.
Gleich kamen relativierende Reaktionen: „Wie kann man sich nur so über ein paar Worte aufregen?!“ oder „Ist doch toll, wenn jemand mit so einer kontroversen Rede die Grundlage für eine Diskussion legt.“ Ich verließ irgendwann den Tisch und wusste, dass die meisten mich für eine wirre Spinnerin hielten.

Auch später im Fahrstuhl meinten ein paar Gäste, sie wären positiv überrascht gewesen, dass Oettinger eine so kurzweilige Rede gehalten hätte. Als meine Begleitung und ich darauf hinwiesen, dass diese Kurzweiligkeit auf rassistischen und homophoben Witzen basierte, schienen sie dies überhaupt erstmals wahr zu nehmen. Anders als bei einige Herren an meinem Tisch folgte hier immerhin keine absolute Abwehrhaltung.

An all das fühlte ich mich erinnert, als ich Claus Klebers Kommentar zu dem Thema auf Twitter las:

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Unabhängig davon, dass ich gerade von Kleber keine Ignoranz fleischhauerigen Ausmaßes erwartet hätte, bin ich an dem Punkt angekommen, an dem ich einfach kein Verständnis mehr habe.

Ich erkläre gern warum:

Der Abend mit Oettinger hat mir gezeigt, dass wir kein Problem mit zu viel politischer Korrektheit, sondern mit zu wenig politischer Korrektheit haben. Wir können nicht die AfD und ihre Freunde als politische Brandstifter bezeichnen und dann die gleiche Sprache benutzen. Nicht die politisch korrekte Sprache ist das Problem. Das Problem sind diejenigen, die nicht in der Lage sind, eine unterhaltsame Rede zu halten, die ohne Beleidigung und Degradierung auskommt. Wie bei der Kindererziehung geht es auch in der Politik um Vorbildfunktion. Die Welt lässt sich nicht verbessern, indem wir die Sprache der Ignoranz, Separation und Bösartigkeit übernehmen, sondern indem wir die von uns proklamierten humanistischen Werte leben und so auch sprechen. Sprache ist keine leere Hülle, sie repräsentiert unser Tun. Ein Medien-Mann wie Kleber sollte die Macht der Sprache kennen.

Ich fürchte, das Kernproblem ist ein anderes. Es geht um die hegemoniale Deutungsmacht. Wenn man jahrzehntelang gewohnt ist, dass man ohne Konsequenz tun und sagen kann, was man will, dann irritiert einen dauerhafte Kritik. Dann wirken diejenigen, die einen auffordern, das eigene Handeln zu überdenken wie eine Bedrohung. Man wünscht sich zurück in eine Zeit, in der ein weißer Mann nur durch einen anderen weißen Mann kritisiert werden konnte. Politische Korrektheit ist eine Reißzwecke auf den Stühlen der Klebers, Fleischhauers, Oettingers, Martensteins und Matusseks, klein aber nervig. Inhaltlich können sie nicht dagegen argumentierten. Also nutzen sie die Strategie der Verharmlosung, sie machen sich darüber lustig, sie verunglimpfen und setzten den Kontext einer albernen Hysterie oder sehen sich als Opfer von Shitstorms.

Meine Damen, aber vor allem meine Herren, Sie sind nicht die Opfer. Sie sind die Ursache und es ist mir eine Ehre die nervige und hysterische Reißzwecke auf Ihrem Stuhl zu sein.