Die Wahlurne entscheidet nicht über das Dasein als Arschloch

Felix Schwenzel hat heute einen sehr schönen und ausgewogenen Text über den Wahlerfolg der CDU geschrieben.

Wäre ich eine ruhige und besonnene Person würde ich es bei der Verlinkung lassen und mich zurücklehnen.

Aber ich habe Puls. Und das obwohl ich nicht einmal die CDU gewählt habe. Ich habe allerdings schon in meinem Leben die CDU gewählt, ob ich es bereue oder ob ich mich jetzt dafür sogar ein wenig schäme, beantworte ich vielleicht ein anderes Mal.

Fakt ist, ich komme vom Land und arbeite in einem konservativen Umfeld. Entsprechend habe ich Freunde, Bekannte und Kollegen, die mit Sicherheit die CDU gewählt haben.

Und was soll ich sagen: es handelt sich dabei nicht um Arschlöcher.

Gleichwohl passiert es häufiger, dass ich mich mit diesen Leuten unterhalte und dabei stellt sich heraus, dass wir unterschiedlicher Meinung sind. Neulich zum Beispiel ging es darum, ob die olympischen Spiele in Sotschi wegen der homosexuellenfeindlichen Politik in Russland boykottiert werden sollten.

Mein Gegenüber verstand den ganzen Wirbel um ein paar Schwule nicht. Ich fragte ihn, ob er Sex mit zwei Frauen doof fände. Er bekam ein verklärtes Lächeln und ich sagte: „Siehst Du, das ist in Russland jetzt verboten“.

Es ist manchmal so einfach, die Menschen abzuholen, man muss nur mit ihnen reden und sie ernst nehmen.

Ich mag jedenfalls meine Freunde und ein paar meiner Kollegen und ich stelle auch immer wieder fest, dass die Entscheidung an der Wahlurne nicht darüber entscheidet, ob jemand ein „guter“ (die Definition ist natürlich schwierig, aber ich polemisiere hier und kann mir Generalisierungen leisten) Mensch ist oder nicht.

Wo ich her komme gibt es eine Familie, die vor fast 40 Jahren einen behinderten Sohn bekommen haben. Die Eltern des Kindes hatten dabei nicht nur mit der Situation per se, sondern auch mit Anfeindungen durch die Dorfgemeinschaft und die lokale Kirche zu kämpfen. Trotz aller Widrigkeiten haben sie sich ein Leben aufgebaut, ihren Sohn optimal gefördert, sich für anderen Menschen in ähnlichen Situationen engagiert und zählen zu den liebenswürdigsten und offensten Menschen, die ich kenne.

Ich weiß es nicht genau, aber ich gehe davon aus, dass sie am 22.9. auch die CDU gewählt haben.

Und auch wenn ich nicht gemeint bin, greift es mich persönlich an, wenn die digitale Bohème das Übel dieser Nation an den CDU-Wähler festmacht. Wenn diese ständig gebasht werden, wenn für sie nicht die gleiche Toleranz gilt, die wir ständig für uns und – zurecht! – für alle anderen Gruppen einfordern.

Es gibt konservative Menschen, die glauben, dass die CDU ihre Interessen vertritt. Sie zu stigmatisieren, sich über sie zu erheben und den Berlin-Mitte-Lebensentwurf als einzigst möglichen darzustellen, das ist borniert, spießig und vor allem nicht konstruktiv.

Man ändert die Welt nicht indem man anderen sagt, dass sie, ihre Probleme und ihre Ansichten scheiße sind. Man ändert sie mit Argumenten, in Diskussionen, in Gesprächen, mit Geschichten und mit Aufrichtigkeit.

Ich für meinen Teil habe aus der Wahl mitgenommen, dass ich einfach nicht genügend Menschen in meinem Umfeld davon überzeugt habe, dass das Supergrundrecht in Deutschland die Freiheit sein muss.

Reitet also mit Eurem digitalen Ross doch lieber in die schwarzen Flecken der Landkarte und überzeugt die Leute, statt Euch in chicen berliner Cafés mit Steckdosen zu treffen und Euch über die Deppen und Bauern dieses Landes lustig zu machen.

Interessensvertretung

Drei meiner Heimaten (Köln, Aachen, Hamburg Nord) liegen gemäß dieser Karte sehr eng beeinander. Gewählt habe ich dann eher wie Berlin Friedrichshain. Offenbar lebe ich auf allen Ebenen in einer Filterbubble. So weit so wenig überraschend.

Überrascht war ich am Sonntag eher darüber, dass meine digitale Filterbubble vom Wahlergebnis geradezu erschrocken wirkte. Ich hatte fest damit gerechnet, dass Angela Merkel wieder Kanzlerin wird. Persönlich hätte ich mir ein besseres Ergebnis für die Piraten und die Grünen gewünscht. Aber ich hatte mir zuvor auch schon einen Wahlkampf gewünscht, bei dem es um Themen geht.

Daran haben – neben der wohl gewollt trägen Politik – auch die Medien eine Teilschuld. Diese hypten lieber eine Idiotenpartei wie die AfD statt sie zu ignorieren und behandelten wirklich wichtige Themen, wie die schleichende Aushölung des Rechtsstaates, nur am Rande.

Der ernsthafteste Wahlkampf fand in meiner Facebook-Timeline bei Die PARTEI statt. Apropos Facebook-Timeline, die SPD machte in selbiger eher den Eindruck inhaltsloser Steinbrück-Cheerleader, was dieser wirklich nicht verdient hat.

Und dann kam der Wahlabend, angeblich so spannend wie ein Krimi. Die FDP und die AfD scheiterten an der 5%-Hürde. Das war für mich eine gute Nachricht. Frank Zimmer hat übrigens eine sehr schöne Antwort auf “Woher kommt dieser unglaubliche Hass, diese Häme auf die FDP?“ geschrieben. (via Maximilian Buddenbohm)

Den Rest fand ich vorhersehbar wie einen schlechten Tatort. Viel interessanter finde ich jetzt die Koalitionsbildung. Das Geschacher und die Verhandlungen werden wir aber leider gar nicht in Gänze mitbekommen. Ich stelle es mir einstweilen wie eine Mischung aus Borgen und House of Cards vor.

Meine Twittertimeline machte den Abend auch nicht besser. Bei jedem Tweet in dem angekündigt wurde, Deutschland wegen Unerträglichkeit bald verlassen zu müssen, kam mir die Erinnerung an einen Abend im Vereinsheim einer deutschen Siedlung in Südbrasilen in den Kopf. Die Menschen waren voller Hoffnung Ende des 19. Jahrhunderts ausgewandert und nun servierten sie deutschen Studenten Schweinshaxe mit Sauerkraut, tanzten in Trachten und sangen von einer Gitarre begleitet Regentropfen, die an Dein Fenster klopfen.

Ich möchte lieber weiterhin versuchen – und wahrscheinlich scheitern – mein Umfeld mitzugestalten. Dazu könnte gehören, über Stefan Niggemeiers Frage Können wir jetzt bitte mal über die Fünf-Prozent-Hürde reden? nachzudenken. Die Stimmen von 6,86 Millionen Menschen – darunter auch meine – sind bei der Wahl quasi verfallen, weil die von ihnen gewählten Parteien an der Hürde scheiterten.

Als konservativ-liberale Anarchistin bin ich nicht wirklich für die Abschaffung der 5%-Hürde. Aber fast 7 Millionen Wahlstimmen zu ignorieren, ist schon einen, zwei oder drei kritische Gedanken wert.

Und dann kündigte Kristina Schröder an, dass sie aus familären Gründen dem neuen Kabinett nicht angehören möchte. Wie eine Meute hungriger (gelangweilter) Wölfe fiel meine Timeline über dieses Fresschen her.

Frau Schröder gehört zu den Frauen, deren Meinung ich nicht teile, aber das trifft ebenfalls auf ca. 90% aller männlichen Politiker zu. Die Häme, mit der die Ironie ihres Schicksals kommentiert wurde, gefiel mir aber auf mehreren Ebenen nicht.

Kurz vor der Wahl schrieb Antje Schrupp Das neue feministische Männerwählen. Und sie arbeitet darin so wunderbar klar heraus, dass es eine irrsinnige Erwartung ist, dass Frauen in der Öffentlichkeit und Politik „Fraueninteressen“ vertreten sollen.

„Ihre Aufgabe ist es, für ihre eigenen Ansichten einzustehen. Sie sind nicht unsere Lakaien, sie sind freie handelnde Subjekte. Und der Kern des Feminismus, wie ich ihn verstehe, ist es doch gerade, dieser Kultur mit ihrer patriarchalen Geschichte auf dem Buckel, langsam beizubringen, dass Frauen in der Tat freie handelnde Subjekte sind.“

Die konservativen Ansichten von Frau Schröder zu kritisieren ist eine Sache, ihr aber vorzuwerfen, sie würde keine „Fraueninteressen“ vertreten, ist falsch. Sie vertritt ihre Ansicht von Fraueninteressen. Als sie ankündigte, für die Kabinettsbildung nicht zur Verfügung zu stehen, hat sie ebenfalls ihre (familiären) Interessen vertreten. Ich würde mir wünschen, dass ihr der gleiche Respekt entgegengebracht wird, wie damals Franz Müntefering, als er 2007 aus familiären Gründen seinen Rücktritt von seinen Ämtern als Minister und Vizekanzler vollzog.

Und ja, Karriere und Familie sind für Frauen schwer miteinander zu vereinbaren, Überraschung. Dagegen hat die Politik von Kristina Schröder nicht viel getan aber sie ist auch nicht Verursacherin dieser Situation.

Franziska Bluhm schreibt etwas gelassener über Kristina Schröder und ihr Rücktritt, inklusiver einiger der angesprochenen Tweets.

In diesem Sinne habe ich als frei handelndes Subjekt gewählt, meine Stimme nahm die Hürde nicht, die Regierung wird nur bedingt meine Vorstellung von diesem Land repräsentieren aber mein Blog ist meine kleine sisyphosische Möglichkeit, meine Interessen zu vertreten und ich bleibe in Deutschland, trotz des schlechten Wetters und der mittelmäßigen Poltik.

Das zweckdienliche Mittel als Surrogat für Sicherheit

Viele Thriller haben einen Protagonisten, der im Laufe des Films ein starkes Schuld-Verantwortungsgefühl entwickelt.

Dabei fühlt sich die Figur verantwortlich für den Tod von einem oder mehreren Menschen und glaubt, dass sie die Tat durch ein anderes Verhalten oder eine anderer Entscheidung hätte verhindern können.

Diese Reaktion ist für den Zuschauer für gewöhnlich nachvollziehbar und macht die Hauptfigur nicht nur heroisch sondern verletzt-heroisch und damit noch interessanter. Außerdem wird so ein inneres Motiv konstruiert, dass den Eifer der Figur im Filmverlauf erklärt.

Das Absurde an dieser Verantwortung ist allerdings, dass die Heldenfigur eigentlich niemanden getötet oder verletzt hat, sie fühlt sich verantwortlich und damit auch schuldig ausschließlich auf Basis der Nicht-Verhinderung.

Manchmal würde ich also gern die liebevoll aufgebaute Dramaturgie des Films zerstören und den Polizei/Geheimdienst/Ermittlercharakter zum Gespräch bitten: „Wissen Sie,“ würde ich sagen „die Schuld trägt der Täter. Sie sind für das Vergehen weder schuldig noch verantwortlich. Ihre Aufgabe ist es, den Täter zu finden und einem Gericht für die Schuldentscheidung zu übergeben.“

Damit wäre der Film etwas langweiliger, denn er lebt ja nunmal davon, dass die Figur Ermittler, Ankläger und Vollstrecker in Personalunion ist. Das Rechtsverständnis des James Bond widerspricht im Grunde allem was ich von einem Rechtsstaat erwarte. James Bond ist zwar sexy aber eigentliches ein Arschloch.

Damit das nicht so auffällt, sind seine Gegner noch größere Arschlöcher und damit siegt der Zweck dreckig lächelnd wieder über die Mittel.*

Was bleibt, ist ein schales Gefühl.

Denn die Motivation des zweckdienlichen Mittels ist selten Mut, sondern meist Angst. Angst vor einer Entscheidung, die keine sichere Nummer ist. Viel zu viele verweigern die Annahme von Verantwortung und werfen sie lieber wie eine heiße Kartoffel weiter bis die auf dem Boden liegt oder abgekühlt ist.

Am besten kühlt man eine heiße Kartoffel ab, indem man sie gleich in den Eisschrank packt. Danach mag sie nicht mehr schmecken und hart und kalt sein aber sie ist nicht mehr heiß.

Die Verantwortungsverweigerung und die sichere Nummer sind beste Freunde.

Und die sicherste Nummer ist für viele die totale Überwachung. Das Schlimmste daran ist aber, dass es Menschen gibt, die glauben, dass diese Form der Kontrolle anständig bleiben könnte.

Das ist so, als würde mir ein Fremder stets folgen, auch zum Kacken aufs Klo oder zum Schlafen und Vögeln ins Bett und vom Türrahmen aus immer wieder beteuern, dass all seine Beobachtungen nicht gegen mich verwendet werden, es sei denn ich plane einen Anschlag. Ich frage mich, wer da entspannt weitervögelt.**

Offenbar macht sich niemand, der per Amt oder Position verantwortlich ist, diese Gedanken.

Sie lieben indessen die Heilsversprechungen, die ihnen für die totale Kontrolle oder besser noch die voreilige Prävention gemacht werden. Denn hier können sie sich am Ende immer darauf berufen, dass sie alles in ihrer Macht Stehende getan haben, um die Sicherheit der Bürger zu garantieren.

Die wenigsten haben den Mut, die Verantwortung für einen Rechtsstaat zu übernehmen.

Eigentlich bin ich ein Freund von Prävention aber wie in diesem wunderbaren Gespräch zwischen Ranga Yogeshwar und Dietmar Dath analysiert wird, müssen wir wohl immer mehr mit einer pervertierten Form der Prävention leben.

Die voreilige Prävention sieht so aus: Anhand von Mustern wie wir sie von Amazon kennen (wer „Lost in Translation“ kaufte, kaufte auch ein Wörterbuch), wird – mal ein plakatives Beispiel – nach Leuten gesucht, die sich für privaten Flugunterricht interessieren. Wenn sie dann auch noch einen Bart haben, steht schon bald ein Sonderkommando im Norwegen vor dem Haus eines Wikingers, der eigentlich nur regelmäßig mit einer Cessna von seiner Fjordinsel zum Festland fliegen wollte.

Es werden (zukünftig) also Leute festgenommen, die noch gar nichts gemacht haben und mit großer Wahrscheinlichkeit auch gar nichts tun wollten. Das ist allerdings keine Prävention, das sind Methoden eines Terrorregimes nur verpackt in einem hübschen Karton mit Schleife.

Prävention wäre nicht zu überlegen, wer als nächstes Täter werden könnte, sondern zu überlegen, warum Menschen Täter werden.

Warum gibt es ein paar Muslime, die die westliche Kultur so hassen, dass sie sie zerstören möchten? Und wie kann man mit ihnen in einen Dialog treten?

Zugegebenermaßen ist das der mühseligere und langwierigere Weg aber er ist es wert, denn dann hätten wir eine wirkliche Freiheit, die es zu verteidigen gäbe.

*Pia Ziefle hat in Überwachung praktizieren wir selbst. Jeden Tag. einige interessante Aspekte zum Thema Film/Serien und Überwachung angesprochen.

**Und bevor hier der Einwand kommt, dass so viele Menschen doch auf Twitter und Facebook vom Kacken, Schlafen und Vögeln schreiben. Es gibt einen Unterschied, ob ich mich persönlich dafür entscheide darüber zu berichten oder ob jemand anders entscheidet, wobei ich beobachtet werde und welche Schlüsse aus den Beobachtungen gezogen werden.