Ich will keinen Medientrailerpark, ich will ein mediales Schlaraffenland

Vor vielen Jahren sah ich den Film Rosetta in einem kleinen Kunstfilm-Kino.

Es geht dabei um das triste Leben einer Adoleszenten, die mit ihrer Mutter irgendwo in Belgien auf einem Campingplatz wohnt. Im Film passiert nichts. Die Nicht-Handlung wird gekrönt durch die filmische Darstellung der Zubereitung eines gekochten Eies in Echtzeit.

Bis heute weiß ich nicht, ob die Regisseure eine Message hatten oder ihre Zuschauer einfach nur quälen wollten und ihren Sadismus als Kunst labelten.

Immer öfter fällt mir allerdings auf, dass mich Rosetta sehr an die aktuelle Medienlage erinnert.

Neulich wurde ein Papst gewählt. Mein Verhältnis zur Kirche geht nicht über den Genuss von Kulturgütern mit theologischem Hintergrund hinaus. Trotzdem glaube ich, dass die Papstwahl für viele Gläubige wichtig und auch von politischer Relevanz ist.

Das alles begründet aber nicht den geradezu lächerlichen Aufwand, den die Medien bei dieser Papstwahl betrieben haben. Es gab Live-Tickter, Live-Berichterstattung, Live-Sendungen aus allen Bereichen des Vatikans und Roms außerdem Live-Schaltungen aus Diezösen in Deutschland.

Das alles war genauso spannend wie die Darstellung eines kochenden Eies, denn niemand schien wirklich Ahnung zu haben oder dem Thema irgendwas hinzufügen zu können. Man wartete einfach lautstark und pausenlos redend auf weißen Rauch.

Ab und an stellte ich den Fernseher an, schaltete ein wenig hin und her und dachte mir, dass der Journalismus seine Krise verdient hat, wenn ich mit derart unprofessionellen, langweiligem und irrelevanten Kram als Zuschauer gequält werde.

Genauso wie ich damals das Kino vorzeitig verließ, stelle ich fest, dass ich immer weniger Zeitung lese, dass ich nur noch manchmal Fernsehnachrichten schaue und dass ich nur Magazine kaufe, wenn sie sowohl optisch wie inhaltlich hochwertig gemacht sind. Überraschenderweise entdecke ich das Radio immer mehr für mich. Aber das ist ein anderes Thema.

Theoretisch könnten mir die „alten“ Medien immer mehr egal werden, schließlich finde ich genug Substitution in Blogs, internationalen Online-Medien und dank meiner diversen Timelines, die immer wieder feine Sachen heranspülen.

Praktisch bin ich aber traurig, dass es nicht noch mehr Angebote gibt und dass so viele Medienschaffende nicht die Chancen am Schopfe packen, die sich gerade ergeben.

Ich bin keine Journalistin aber ich bin Heavy-Userin und ich weiß ziemlich genau, was ich möchte. Und wenn meine Medienbedürfnisse erfüllt werden, bin ich auch bereit, dafür zu zahlen. Vorausgesetzt, es handelt sich um ein einfaches, angemessenes und transparentes Zahlungssystem.

Stil

Ein Grund, weshalb ich die üblichen Frauen- und Gossipmagazine nicht mehr ertrage, ist der Schreibstil.

„Mary möchte nun schon seit Jahren ein weiteres Kinder. John ist noch nicht bereit. Wird sie doch noch ihren Traummann finden?“

„Bei Depression denken sie einfach mal an was anderes.“

„Machen sie mehr aus sich. Wie wäre es mit einem neuen Haarschnitt?“

Jede Phrasensau wird durchs Dorf getrieben und es scheint als gäbe es ein allgemeines Verbot für Relativsätze.

Bloß nicht zu viel sprachliche und intellektuelle Innovation. Wahrscheinlich möchte man damit Leser nicht abschrecken. Erreicht wird so aber vor allem Ödnis.

Der hysterische Stakkato-Ton vieler Frauenzeitschriften nervt dabei allerdings nicht mehr, als der pseudo-objektive Stil „seriöser“ Zeitungen oder der lehrmeisterliche Duktus in den Kolumnen älterlicher Herren zum Weltgeschehen.

Ehrlichkeit

Dabei will ich nicht unbedingt ein Magazin oder Kolumnen in lyrischer Form, mir reicht ein echte Sprache völlig aus.

Authentizität ist leider ein Begriff der viel zu inflationär verwendet wird, aber es im Grunde trifft. Warum soll jemand im Allgemeinen aber auch ein Journalist im Besonderen in einem durch das Medium vorgegebenen Stil schreiben?

Womöglich einem Stil, der gar nicht zur Person passt, den sie gar nicht mag. Würde die Nachricht oder die Geschichte nicht viel besser ankommen oder interessanter sein, wenn auch der Stil Teil der Nachricht ist?

Es ist für mich kein Wunder, dass Menschen wie Olli Schulz so erfrischend sind. Für den aktuellen Erfolg von Olli Schulz gibt es sicherlich viele Gründe aber seine hektische sich irgendwie immer überschlagende und extrem ehrliche Sprache ist sicherlich einer.

Mut

Als Person aus der Nachricht herauszutreten und sich damit auch zu exponieren, sich manchmal auch zum Affen zu machten, hat in gewisser Weise mit Mut zu tun.

Mut hat mich auch bei Journalisten immer besonders beeindruckt. Sei es, dass ich mich fragte, wer freiwillig in Krisengebiete fährt, um darüber zu berichten oder es mich sehr berührt, dass Roberto Saviano wegen eines Buchs über die Mafia, sein normales Leben aufgeben musste.

Leider scheint der Mut einer Handvoll Leute und die dazu gehörenden Hollywood Filme einen Mythos erschaffen zu haben, mit dem die Realität in vielen Reaktionen wenig gemein hat.

Chad Kultgen hat in der Huffington Post einen sehr schönen Artikel über Sex und darüber geschrieben, dass immer mehr Menschen an Texten unterhalb der hübschen Bonbon-Oberfläche interessiert sind, aber in den „alten Medien“ immernoch der Mut fehlt, sie zu veröffentlichen.

Reportagen und Hintergründe

Mut fehlt auch, wenn es darum geht, Aktualität zu ignorieren.

Maximilian Buddenbohm antwortete neulich sehr weise auf die Frage, was er am Netz am wenigsten mag:

Den Aktualitätsdruck. Es ist nichts mehr gültig oder gut, was älter als ein paar Tage ist. Eine furchtbare Entwicklung. Wir haben mehr Archivraum zur Verfügung als alle Generationen vor uns und nutzen ihn immer weniger.

Und Felix Schwenzel schrieb etwa zur gleichen Zeit:

ich finde übrigens, dass das was die zeit für mich vor 25 jahren war, heutzutage fast komplett fehlt; ein reflektierter, unhysterischer und verlässlicher rückblick auf die themen der letzten woche (und darüber hinaus). aktualität langweilt mich. ich will tiefe, vernünftige und abgehangene analysen.

Zwei Monate nach der Papstwahl eine ausführliche, sachkenntnisreiche und kritische Analyse über den Vatikan in Allgemeinen, die Hintergründe zum Abtritt, die Intrigen vor, nach und während der Wahl, mit der Ambition, auch heikle Themen anzusprechen: Ich wäre begeistert und würde sogar blinkende Werbebanner tolerieren, wenn dadurch die journalistische Arbeit bezahlt werden kann.

Interview

Apropos heikle Themen ansprechen. In habe schon lange kein kontroverses Interview mehr gelesen oder gesehen.

Im Gegenteil, Lars von Trier waren 2011 in Cannes die Pressekonferenzen wohl so derart zu lahm, dass er den Eklat selbst in die Hand genommen hat.

Ich mein, der Mann schreit doch geradezu nach einem Interviewpartner, der nicht die Vorlagen zur Promotion des aktuellen Films vorgibt, sondern eine Person, die ihn irgendwann eine Ohrfeige gibt und ihn fragt, ob er nicht ganz bei Trost ist. Die Antwort darauf würde mich interessieren.

Orientierung und Kuration

Nicht jedem liegt die Provokation. Sammeln und Kuratieren ist zum Beispiel auch ein Feld, das bisher nur ansatzweise beackert wird.

Vor einiger Zeit stellt ich mal Blogs vor, die ich als Informations- und Linkhubs bezeichnete. Damals habe ich leider die Serie Beifang aus dem Internet der Kaltmamsell und woanders von Herrn Buddenbohm unerwähnt gelassen.

Außerdem bin ich in den letzten Monaten auf zwei Blogs gestoßen, die sich hauptsächlich mit dem Suchen, Filtern und Kuratieren von Inhalten aus dem Internet beschäftigen.

Nessys Blog Messy Nessy Chic ist für mich in etwas das, was für meine Kinder der Besuch eines fantastischen Spieleparadieses ist. Ein wahrgewordener Traum und ein Blog in dem ich all die Dinge finde, für die ich keine Zeit und Lust habe, sie zu suchen, weil ich nicht weiß, wonach ich suchen soll und wo ich sie überhaupt finden könnte. Nach jedem Eintrag habe ich das Gefühl, eine weitere Perle des Netzes in meiner geistigen Hand zu halten.

Limpid Lech trägt spannende aber auch sehr komplexe und wissenschaftliche Texte, Bilder, Filme meist thematisch sortiert aus dem weitgefassen Bereich der Sexualtiät zusammen.

Sicherlich gibt es noch mehr Beispiele aber auch hier sehe ich noch lange keine Sättigung meiner Lese-, Hör-, oder Sehbedürfnisse. Zumal es ja auch noch unendlich viele Interessensgruppen gibt.

Das Filtern von Daten ist eine sehr schwere und ehrenvolle Aufgaben und wird von Menschen wie mir dankbar aufgenommen. Gute Datenkuratore, die mich wie ein Dealer mit dem Besten und Spannensten aus dem Internet belieferten, würden von mir viel Zuneigung, Loyalität und – vorausgesetzt es gibt ein einfache, angemessenes und transparentes Zahlungssystem – auch Geld bekommen.

Fazit

Hört auf kochende Eier zu filmen und mir das als Weltgeschehen zu verkaufen.