Nur weil ich mich darüber aufrege, dass es kaum gute Romane gibt, muss dieser Text noch lange keinen roten Faden haben

Je nach Lebensabschnitt war ich für eine Wahlberechtigung ab 16 Jahren, gegen Studiengebühren oder beklatschte freudig das Elterngeld.

Wahrscheinlich werde ich mit 50 Jahren Romantikresorts besuchen, in denen Kleinkinder verboten sind und mit 65 kämpfe ich für eine höhere Pflegestufe.

Und genauso wie ich die Politik und die Gesellschaft personalisiert wahrnehme, nehme ich auch Filme, Serien, Bücher, Magazine, Artikel, Blogs nach meinen Interessen und nach meiner Lebenssituation wahr.

Ich gebe gern zu, ich möchte Bücher lesen, wo ich wenigsten einen Charater finde, in den ich mich hineinversetzen oder in den ich mich verlieben kann.

Während es eine Menge hervorragender Serien, tolle Blogs, einige gute Filme gibt, hatte ich in letzter Zeit viel Pech mit (Hör-)Büchern.

Von den an Langweiligkeit, Unehrlichkeit und Trivialität nur so strotzenden (Frauen-)Magazinen möchte ich gar nicht sprechen. Das habe ich ja schon mal.

Abgesehen davon, dass ich immer einen Charakter brauche, dem ich mich nahe fühle, interessieren mich – wohl aufgrund meiner Lebenssituation – derzeit Geschichten, die zeigen was nach dem Happy End kommt.

Naja Blut, Gewalt, Sex und eine intelligente und spannende Geschichte wären auch nicht schlecht für einen spannenden Roman.

Heute – als ich bereits über den Text nachdachte – fand ich diese Buchrezension von Eheroman von Katrin Seddig bei Maximilian Buddenbohm. Das Buch klingt sehr vielversprechend, wobei es mich nicht so reizt, es scheint mir an Blut und Kriminalität und wenigstens ein bisschen Optimismus zu fehlen.

Aber Maximilian Buddenbohm fasst den Inhalt des Buchs so grandios zusammen, dass dieser Abschnitt eigentlich auch für (Teile) meines Lebens und des Lebens vieler Menschen, um mich herum stehen könnte:

‚Frau heiratet Mann, kriegt Kind, kriegt noch ein Kind, wird überraschenderweise auf der Strecke gar nicht vor Glück verrückt. Schlägt sexuell quer, grübelt herum, versucht zu verstehen. Sich, den Mann, die Liebe, das Leben, das Ganze. Kommt auch dabei nicht sehr weit, kommt auch nicht vorwärts, nicht vom Fleck und nirgendwo an. Wird älter, arbeitet die ganze Zeit irgendwas, macht keine glänzende Karriere und am Ende kommt kein Prinz. Vorhang.‘

 

Wie gesagt, vielleicht etwas pessimistisch aber offenbar ehrlich. Das war übrigens auch ein Aspekt, der mir an Charlotte Roches ‚Schoßgebete‘ so gut gefiel.

Aber all das scheinen rühmliche Ausnahmen.

Auf der Reise an die Mosel wollte ich mir die lange Autofahrt allein mit einem Hörbuch etwas kurzweiliger gestalten. An der Tankraststätte Dammer Berge hatte ich die Wahl zwischen einem Hörbuch von Thilo Sarrazin oder einer Folge der Hebammen-Historien-Saga. Ich dachte lange nach und wählte schließlich die Hebamme, immerhin kann ich selbst auf zwei Geburten zurückblicken.

Ich habe ungefähr die Hälfte der Geschichte geschafft und dabei ständig das Bedürfnis gehabt, mit meinem Kopf auf das Lenkrad zu knallen, was mir bei 170 km/h allerdings etwas gefährlich erschien. Ich fasse mal kurz zusammen was mich an den Rande des Wahnsinns getrieben hat:

Alles läuft immer glatt, jede Spannung wird im Keim erstickt, weil die Guten einfach so unglaublich gut und klug sind. Und wenn nichts mehr hilft, hat die Hebamme eine Vision.

Sobald eine Frau die Szene betritt hat sie auch Sex mit einem der anwesenden Männer. Nun weiß jeder, der dieses Blog öfter liest, dass ich eine Königin des anzüglichen Frauenwitzes bin, aber die Sexszenen sind so absehbar, dass ich unsäglich schläfrig davon wurde.

Die guten Frauen haben kastanienbraune Haare, eine zierliche Statur und sind sexuell passiv, immerhin genießen sie Sex. Die Männer sind liebevoll, wissen aber gekonnt die Frau zu nehmen, so dass sie am Ende spitze Schreie ausstößt.

Interessant sind da eher die bösen Charatere, natürlich schänden sie Frauen und genießen es, sie leiden zu sehen. Frauen, die gern und freiwillig mit den bösen Männern schlafen, sind Ehebrecherinnen und genießen den Sex mit den bösen Männern.

Wenn die Männer unter sich sind, kämpfen oder reden sie, wobei die Guten sowohl rhetorisch als auch kämpferisch überlegen sind. Das Einzige Makel der (jungen) guten Männern ist ihr zuweilen auftretender Hochmut.

Keiner der Charaktere ist spannender als die Geburtstagskarten meiner Hausbank und mit meinem Leben oder meiner Gefühlswelt hat das alles wenig zu tun, selbst wenn man meinem Leben etwas Blut, Action, Sex, Humor und Betrug hinzufügen würde.

Vor einiger Zeit habe ich es mit einem anderen Besteseller probiert: Jo Nesbøs Headhunter. Ich dachte, man könnte mit einem Krimi nicht viel falsch machen. Wie dumm von mir.

Dem Hauptcharakter Roger Brown wünschte ich bereits nach wenigen Seiten den sofortigen Tod. Wenn der Hauptcharakter seiner engelgleichen, hochsensiblen und ätherischen (kotz!) Frau eine Galerie schenkt, damit ihr Kinderwunsch verschwindet und er für immer ihr einziges Kind bleibt, dann kann die Geschichte nur spannend werden, wenn sie mit paranormalen Zwillingen schwanger wird.

Glücklicherweise stehe ich mit meiner Meinung nicht allein, wie man dieser Konversation mit Patricia Cammarata, Kai Biermann, Caro Buchheim und ronsens entnehmen kann:

Also habe ich mir A Game of Thrones gleich mal runtergeladen und die ersten 80 Seiten gelesen, während ich es genoss, ohne Familie im Romantikhotel Bellevue rumzugammeln. Soweit ist es vielversprechend, hat mich aber noch nicht total in den Bann gezogen.

So suche ich also nach wie vor nach einer wirklich guten Geschichte, die sich nicht hinter stilistischen Schi Schi versteckt, sondern spannend, vielschichtig und mitreißend ist. Und nach einer weiblichen Protagonistin, die nicht wählen muss zwischen schön, zart und perfekt oder attraktiv, kompliziert und alkoholkrank, sondern einfach die Tragik und Absurdität der Normalität lebt und lakonisch kommentiert.

Peter Breuer hat es im Interview mit Agent Dexter wunderbar ausgedrückt:

Gibt es Autoren, die Du für ihre Kreativität schätzt und besonders gern liest?

Was mir gefällt, ist die Lockerheit englischsprachiger Autoren. Diese Skrupellosigkeit, echte Geschichten zu erzählen oder einen klaren Plot zu verfolgen und dabei die pralle Handlung mit Humor zu füllen. So wie es Zadie Smith oder David Sedaris tun. In der deutschen Gegenwartsliteratur wird mir zu viel an der Erzählstruktur oder der Form herumgelitten – das langweilt mich zu Tode.

Bis dahin spiele ich einfach abends im Bett mein Siedlerspiel weiter.