Wenn man bis Minute 60 (von insgesamt 90) beim Tatort den Mörder erraten möchte, helfen folgende Regeln:
Es ist nie der oder die erste Verdächtige.
Im Zweifelsfall war es der Perverse, man findet aber erst ab Minute 50 raus, wer abseitige sexuelle Vorlieben hat.
Frauen morden fast nur aus gut nachvollziehbaren Gründe und begehen vor der Festnahme Selbstmord oder versuchen es zumindest.
Kinder und Jugendliche die morden, haben immer einen sehr guten Grund (wobei es meiner Meinung nach eine Ausnahme gab) und werden immer von ihren Eltern und nicht selten von den Ermittlern gedeckt.
Diesen Sonntag war dann wieder der unsympathische Lüstling dran, der Frauen ans Bett fesselt.
wg schrieb neulich einen sehr klugen Text über den Film Shame, den ich allerdings noch nicht gesehen habe. Nach der Lektüre dachte ich, dass es sehr spannend sein könnte, die Darstellung von sexuell unkonventionellem Verhalten in den Medien mal systematisch zu untersuchen.
Aus dem Bauch heraus und ohne systematische Untersuchung halte ich die nämlich für ziemlichen Bullshit.
Genauso wie die andere Seite der Medaille, nämlich das Klagen einer Nina Pauer über die Schmerzmänner.
Ende der 90er Jahre lief der französischen Film Une liasion pornographique an. Es handelt sich dabei um einen schönen Liebesfilm, den ich durchaus empfehlen kann.
Ein Mann und eine Frau lernen sich über eine Annonce kennen, um gemeinsam irgendeine sexuelle Praktik auszuleben. Welche genau das ist, erfährt der Zuschauer nicht. Nachdem sie ihm ihre Liebe gesteht, haben sie das erste Mal “normalen” Sex miteinander, an dem der Zuschauer dann auch optisch teilhaben darf.
Ich habe den Film bis zu diesem Punkt nachvollziehen können. Man trifft sich anfangs für Sex ohne emotionale Bindung und dann verknallt man sich doch. Aber warum um Himmels willen sollte man dann auf einmal normalen Sex haben? Wollen die beiden ein gemeinsames Kind?
Es ist doch so, wenn ich Sauerbraten total lecker finde und ich treffe jemanden, der köstlichen Sauerbraten machen kann und liebend gern dafür in der Küche steht, dann freue ich mich sehr und nutze das Angebot.
Und nur weil ich mich dann irgendwann in den Sauerbratenkoch verliebe, weil er ein toller Typ ist, sag ich doch nicht plötzlich: mach mir mal was leckeres Vegetarisches. Wenn ich vegetarisch essen will, dann hat das mit meinem Appetit zu tun, nicht mit meiner Liebe.
Der Film suggeriert also, dass die Verbindung von Liebe und Sex nur durch normalen Sex repräsentiert werden kann. In diese Kerbe schlagen meiner Meinung nach fast alle Filme und Serien, in denen die Hauptdarsteller einem unkonventionellen Sexual-Lebenstil pflegen (wobei das noch systematisch zu untersuchen wäre, s.o.).
Und während man sich über den promisken Charlie Sheen in Two and a Half Men lustig macht, schiebt man gleichzeitig Panik man könnte genauso sein, nur weil man eben auch mal Lust auf Sex mit einem wildfremden Menschen hat.
Und aus Angst heraus man könnte für beziehungsunfähig gehalten werden und deshalb nie die Liebe seines Lebens finden, hört man womöglich auf Dinge zu tun, die einem Spaß machen oder hat zumindest ein schlechtes Gewissen dabei.
Bis ich 28 wurde, war ich die meiste Zeit meines Lebens Single. Das war recht interessant, denn Singles sind per se suspekt. Man wird von wildfremden Männern, die einen überhaupt nicht kennen, für lesbisch gehalten oder auf seine biologische Uhr angesprochen, man erhält eine Menge schlechter Tipps und sitzt auf Hochzeiten an dem freundlosen Singlekatzentisch mit sechs Frauen und zwei häßlichen Männern.
Das Singleleben machte mir oft viel Spaß – ich erinnere mich sehr gern an die Sonntage allein in meinem Himmelbett (!) mit der aktuellen Ausgabe der FAS und einem leckeren Kaffee – aber eine Sehnsucht nach der (großen) Liebe war irgendwie immer latent da.
Nur war mir damals sehr bewusst, dass es einfach wenige Männer gibt, die mir gefallen und die ich gern dauerhaft um mich herum habe. Ich war mir aber ziemlich sicher, dass mein Verhalten weder im Guten noch im Schlechten dafür verantwortlich ist, ob ich einen tollen Mann treffe oder nicht. Es gibt nämlich keine Anständigkeitsbienchen, die auf eine Karte geklebt werden und sobald diese voll ist, steht der Traumpartner mit ner Schleife im Haar vor der Tür.
Und genauso wenig wie ich durch mein (Sexual-)Verhalten beeinflussen kann, ob und wann ich einen tollen Typen kennen lernen, kann ich die Gesellschaft dafür verantwortlich machen, dass es zu wenige anziehende Kerle gibt.
Anders als Nina Pauer ist mir doch egal, ob ein Typ ganz sanft ist und gern rumphilosophiert, niemand zwingt mich mit ihm zu schlafen. Aber irgendwann wird ihm in der Bibliothek die abgegriffene Ausgabe des Steppenwolfs runterfallen und ein entzückendes Mädchen mit Hornbrille wird ihm helfen, die rausgefallenen Seiten aufzusammeln.
Aber diesen Moment kann man nicht einfordern und schon gar nicht kann man irgendjemanden dafür verantwortlich machen, dass es zu wenige freundliche Mädchen mit Hornbrille gibt, die gern Taschenbuchseiten in Bibliotheken aufsammeln.
Wenn es also ohnehin nur wenige Menschen gibt, die wirklich gut zu einem passen, kann man auch aufhören, sich mit der Emopeitsche zu schlagen und sich einzureden, man sei ein Beziehungskrüppel.
Mir fallen partout keine logischen Gründe ein, weshalb ein ereignisreiches Sexualleben zu einer Beziehungsunfähigkeit führen sollte, auch wenn das in Filmen oder Serien so vermittelt wird. Aber genauso wenig kann man verlangen, dass bitteschön adäquate Menschen zum Verlieben zur Verfügung gestellt werden.
Und wenn ich mal einen Tatort drehe, rettet der Fesselkünstler die attraktive Mutter von 4 Kindern und Leiterin eines Busunternehmens aus den Händen eines freundlichen Busfahrers. Dieser hat sie als Geisel genommen hat, weil er Angst um seinen Job hat. Er begeht Selbstmord indem er sich mit dem Bus in die Elbe stürzt. Die Kommissare schauen die ganze Zeit tatenlos zu, verlieben sich aber am Ende ineinander, während die Busunternehmesgeschäftsführerin leicht erotisiert zu Mann und Kindern zurückkehrt.