Gesprächsnebelbomben

Während meines Studiums habe ich für Referate immer besonders schöne und besonders hohe Schuhe ausgewählt.

Mit 10cm Absatz bin ich 1,83m und Dank meiner ohnehin sehr massiven Erscheinung wirke ich sehr einschüchternd.

Genau das war meine Intention. Durch mein Auftreten habe ich im Vorfeld versucht, meine Kommilitonen und Professoren abzuschrecken. Ich wollte Autorität und Dominanz ausstrahlen und mich gleichzeitig attraktiv fühlen. Mein Ziel war es, unmissverständlich klar zu machen, dass es sich um mein Referat und um meine Show handelt.

Natürlich war ich nicht immer zufrieden aber mein Plan ging in der Regel auf. Meine Referate wurden selten unterbrochen und die Diskussionen im Anschluss wurden sachlich und respektvoll geführt.

Ich wollte schon lange einen Text darüber schreiben, dass High Heels und auffallend weibliche Kleidung für mich persönlich “Werkzeuge” sind, die ich bewusst und gern nutze, um mich stärker und selbstbewusster zu fühlen bzw. bestimmte Punkte meiner Ausstrahlung zu unterstreichen (bzw. andere zu verdecken).

Als ich neulich ein Interview mit Dita Von Teese sah, erinnerte ich mich wieder an mein Vorhaben.

Sie wird im Interview mehrfach und in verschiedenen Varianten gefragt, ob ihre Arbeit und ihr Auftreten nicht anti-feministisch seien.

Dita Von Teeses Reaktionen auf die unendliche Fragen vorbei am Wesentlichen des Feminismus sind klug und deutlich.

a) Niemand sollte einer Frau sagen, wie sie auszusehen hat, um sich im eigenen Körper wohl zu fühlen, b) sie sieht ihre Arbeit und die von ihr geschaffene Persönlichkeit als Kunst und c) das Bedürfnis (in sexueller Hinsicht) zuweilen objektifiziert werden zu wollen, ist legitim und kein Widerspruch zum Feminismus.

Hätte ich die Gelegenheit Dita Von Teese zu interviewen, ich würde es tatsächlich wagen, ihr Fragen in Hinblick auf ihr Werk, ihre Kunstphilosophie, ihre Inspirationen und ihre zukünftigen Pläne als Künstlerin und Unternehmerin zu stellen.

Stellen wir uns vor, Robbie Williams wäre interviewt worden. Ein Mann der ebenfalls seinen Status als Sexsymbol in seiner künstlerischen Arbeit aufgreift. Ein Mensch, der in der Tat kein einfaches Verhältnis mit der Regenbogenpresse hat/hatte. Aber in einem Interview mit the guardian würde er ganz sicher nicht gefragt werden, ob sein Outfit nicht zu maskulin sei, ob er überhaupt Kunst mache, und nicht “nur” halbnackt und aufreizend auf der Bühne steht, um sich so zu einem Sexobjekt für Frauen zu machen

Spätestens mit dieser Analogie sollte deutlich werden, dass wie so oft mit zweierlei Maß gemessen wird. Die Kleidungsaussage einer Frau wird umgehend auf ihre Teilhabe am oder ihre Verweigerung des Feminismus gewertet. Die Kleidungsauswahl eines Mannes wird als Mittel zur Hervorhebung seiner (künstlerischen/beruflichen) Persönlichkeit gesehen.

Die Objektifizierung findet also gar nicht in dem Moment statt, in dem eine Frau leicht bekleidet auf die Bühne tritt, um sich im Rahmen einer Show zu einem Sexobjekt zu stilisieren, sondern viel früher, in dem Moment in dem sie vor die Wahl gestellt wird, entweder Feministin zu sein oder optisch mit Bildern von Weiblichkeit zu spielen.

Absurderweise greifen hier Strömungen des Feminismus und patriarchalischen Strukturen wie ein Uhrwerk ineinander.

Denn die Kritik an Frauen, die ihre Weiblichkeit offen zu Schau stellen oder sie zur Show machen, kommt von beiden Seiten.

Als ich Judith Holofernes Liebeserklärung an Dolly Parton las, wurde mir erstmals klar, was für eine großartige Frau und emanzipierte Feministin Dolly Parton ist. Einfach weil auch in mir die Idee so fest verankert ist, dass Frauen, die sexualisierte, offenherzigen Weiblichkeit symbolisieren, keine Feministinnen sein können.

Damit sind wir wieder an einem Grundpfeiler, der die aktuelle Gesellschaftsordnung trägt und dabei ganz wunderbar einige Strömungen des Feminismus für sich arbeiten lässt.

Anstatt einfach zu akzeptieren, dass es Frauen gibt, die sich mit High Heels und Make-Up, in Pinup-Posen und Reizwäsche stark und wohl fühlen, wird ihnen unterstellt, das Patriarchat durch ihr Verhalten zu zementieren und das Wohl aller Frauen zu gefährden. Die Möglichkeit einer bewussten Entscheidung wird in Abrede gestellt, als würde es sich um dumme Kinder handeln.

Ich ertrage diese Stellvertreterdiskussionen nicht mehr, die dafür sorgen, dass die wesentlichen Themen nicht angesprochen werden, sondern statt dessen mit Plädoyers für Haare dran, Haare abrasieren oder Brazilian Waxing ablenkende Gesprächsnebelbomben geworfen werden.

Ich will Interviews mit großartigen KünstlerInnen sehen und lesen, in denen interessante Fragen gestellt werden, ich will mir Kleidung anziehen, in der ich mich wohl fühle und wenn ich objektifiziert werden möchte, will ich nicht an das Patriarchat denken müssen.

Wenn wir uns wirklich Gedanken machen wollen, wie wir als gleichberechtigte Menschen miteinander leben wollen, sollten wir das Diskussionsniveau einer QVC-Verkaufsshow verlassen. Es kann nur interessanter werden. Für alle.

Der Appell für mehr Vernunft

Hätte ich die Gelegenheit gehabt und wäre es kein so verpönter Beruf mit großen (negativen) Auswirkungen auf das berufliche und private Leben jeder Frau, dann wäre ich mit Anfang 20 vielleicht Pornodarstellerin geworden.

Da ich nach wie vor keine direkte Erfahrung habe und Stoya gerade eine Kolumne on the Importance of Accurately Writing About Sex Work geschrieben hat, bin ich mir sicher, dass der Job ganz anders ist, als man es sich so hinfantasiert.

Aber das gilt für 99,99% aller Jobs.

Gleichwohl bin ich der Meinung, dass jede Art von Sexwork als das angesehen werden sollte was es ist: eine Arbeit.

Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie sehr es mich ankotzt, dass diese Form der Arbeit immernoch so stigmatisiert wird. Dass nicht endlich mal anerkannt wird, dass Prostitution ein sehr anspruchsvoller Job ist, der nicht mehr oder weniger anständig ist, als jeder andere Beruf.

Wenn man sich allein die Blogs von Mistress Matisse oder Victoria Rage (nsfw) anschaut, sieht man, wie viel Wissen, Erfahrung, Einfühlungsvermögen, Menschenkenntnis, Offenheit und Geschäftsinn benötigt wird, um diesem Beruf nachzugehen. Für andere Varianten der Sexarbeit wird das nicht anders sein.

Deshalb macht mich die Kampagne der Emma: Der Appell gegen Prostitution so wütend.

Denn es werden Sachen miteinander verquickt, die nichts gemein haben und es wird ein Weltbild vermittelt, das den Körper von Frauen mal wieder instrumentalisiert.

Zunächst einmal ist die Intention gut. Es gibt Menschenhandel und Zwangsprostitution weltweit und natürlich auch in Deutschland. Jemanden zu einer Arbeit zu zwingen, und diese nicht zu bezahlen, ist Sklaverei.

Daraus zu schließen, dass Prostitution immer Sklaverei ist, ist weder logisch noch richtig.

Genauso logisch wäre es, einen “Appell gegen Kleidung” zu formulieren, weil in Bangladesch die Menschen unter mieserabelsten Bedingungen unserer Kleidung schneidern. Die Kleidungsstücke sind nicht schlecht, die Konditionen unter denen sie geschneidert werden, sind es.

“Der Appell gegen Prostitution” fordert nun, die Reform des Prostitutionsgesetztes von 2002 zu ändern. Auch hier gehe ich noch konform, denn die genannten Probleme und Ansätze wie Altersarmut, Aufklärung (Geschlechtskrankheiten), Hilfen beim Ausstieg sind wichtig und richtig und eine Überarbeitung der Reform schadet ganz sicher nicht.

Die Schlussfolgerung, dass diese Ziele nur durch die Abschaffung der Prostitution inklusive einer Ächtung und Bestrafung der Freier erreicht werden können, halte ich weder für logisch noch für klug.

Die mafiösen Strukturen, die die Prostitution genau zu dem traurigen Elend machen, das zurecht angeprangert wird, werden ganz sicher nicht durch eine Abschaffung verschwinden. Die organisierte Kriminalität hat die Prohibition gefeiert, ihr Geschäft florierte wie nie. Warum sollte die Nachfrage sinken? Weil Freier bestraft werden? Und bestrafte Freier werden zu geläuterten Männern?

Am Ende wäre es also ein Bärendienst, denn die Nachfrage bleibt, nur die Prostitution wandert aus der Grauzone in die Kriminalität. Damit ist sie dann überhaupt nicht mehr kontrollierbar.

Wie gesagt, ich bin absolut der Meinung, dass in diesem Bereich noch viel gemacht werden muss, aber meiner Meinung nach kann das nur geschehen, indem die Prostitution weiter aus dem Graubereich in die “normale” Arbeitswelt verlagert wird, indem Gespräche stattfinden mit Leuten, die sich wirklich auskennen und nicht nur eine Meinung haben und indem endlich diese elende Stigmatisierung aufhört.

Und dann dieser Satz, der ein Schlag in das Gesicht eigentlich jeder Frau ist:

Das System Prostitution brutalisiert das Begehren und verletzt die Menschen-würde von Männern und Frauen – auch die der sogenannt „freiwilligen“ Prostituierten.

Ganz offenbar gehen die Unterzeichner des Appells davon aus, dass es keine “freiwilligen” Prostitutierten geben kann. Damit sprechen sie allen, die dem Beruf gern und freiwillig ausüben, die Entscheidungsfähigkeit ab.

Das heißt, sie tun nichts anderes als das was sie an Kirche, Staat und Patriarchat kritisieren. Sie schreiben einen Appell mit Hilfe dessen Sie über den Körper von Frauen entscheiden wollen, sie geben eine Norm für die weibliche Sexualität vor (nämlich eine, in der Prostitution nicht freiwillig sein kann) und sie sprechen Frauen selbstständiges Entscheiden über ihren Körper und ihre Sexualität ab.

Ich bin keine (freiwillige) Sexarbeiterin aber ich bin eine Frau, die von anderen Frauen und schon gar von Feminstinnen erwartet, dass ihre Sexualität nicht bewertet und nicht instrumentalisiert wird. Ich will so eine gequirlte und undurchdachte Scheiße einfach nicht mehr lesen. Ich möchte, dass vor so einem Appell Recherche betrieben wird, dass verschiedene Seiten zu dem Thema gehört werden, dass gemeinsam an einer besseren Zukunft gearbeitet wird und dass verdammt nochmal akzeptiert und toleriert wird, dass Frauen auf verschiedene Art und Weise Sexualität leben.

Update 29.10.13: Der Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen hat einen Appell für Prostitution verfasst, der mir sehr viel durchdachter und sinnvoller erscheint.

Darüber hinaus kann ich die Twitter-Accounts von Sonja Dolinsek und Carmen empfehlen, dort finden sich interessante Tweets und Links mit Hintergrundinformationen von Leuten, die ganz offenbar wissen, wovon sie sprechen.

Aha? Aha! Mhm. Oh!

Kurzer Hinweis: ich hätte gern aus dem im folgenden Text erwähnten Buch zitiert. Unter anderem, um zu zeigen wie unterhaltsam, klug und witzig es ist. Leider kann ich aus meiner Kindle-App nicht kopieren. Ich gehe daher davon aus, dass das Zitieren nicht gewünscht ist. Um eventuellen Abmahnungen zu entgehen muss es im folgenden Text also ohne Zitate gehen.

“Aha” ist ein schöner Effekt wenn man ein Buch liest.

Sex at Dawn: How We Mate, Why We Stray, and What It Means for Modern Relationships von Christopher Ryan und Calcida Jethá war für mich ein Buch mit sehr vielen “Ahas”.

Oder anders ausgedrückt, Dinge die mir immer unlogisch erschienen, sind offenbar auch unlogisch.

Kurz zusammengefasst geht es in Sex at Dawn, um die evolutionäre Betrachtung der menschlichen Sexualität. Ein wenig ist es so,als hätte das Buch die blanken Stellen von Darwins Evolutionstheorie ausgefüllt und ein paar Eckpunkte neu verknüpft.

Für viel Furore hat gesorgt, dass im Buch die These aufstellt wird, dass in der menschlichen Frühzeit – also bevor wir mit Landwirtschaft und Viehzucht begonnen haben – Menschen polygam lebten.

Genauer gesagt war Sex wichtig für den Zusammenhalt der Gemeinschaft und so hatten regelmäßig Frauen mit vielen Männern und Männer mit vielen Frauen Sex. Die Themen Homo- und Bisexualität werden nur am Rande besprochen. Aber auch das sollte in prähistorischen Gesellschaften eher unproblematisch gewesen sein.

So ist Sex at Dawn wohl zu einen Standardwerk in polyamoren Kreisen geworden, schreckt dadurch aber womöglich auch viele Leute ab.

Schade, denn das Buch ist deutlich vielschichtiger als ein: make love not war und außerdem ausgesprochen unterhaltsam.

“Aha” wir leben gar nicht unbedingt in der Besten aller möglichen Welten

Für mich wichtiger als sexuelle Details über polygame Lebensweisen der Steinzeit war die grundsätzlich neue und andere Sicht des Buchs auf unsere Vorfahren.

Denn weder hatten wir es mit Familie Feuerstein noch mit armen, hungernden, kranken und unglücklichen Menschen zu tun.

Es wird zwar versucht, nicht allzu dick bei der Malerei des Steinzeitgemäldes aufzutragen aber natürlich wird ein sehr positives Bild damaligen Leben gezeichnet.

Aber selbst wenn man ein bisschen Grau in das Bild mischt wird ein wesentlicher Punkt klar: Steinzeitmenschen lebten ein Leben in einer egalitären Gruppe, in einer relativ einsamen Welt, die territoriales Denken obsolet machte, sie hatten genug (und vor allem vielseitiges) zu essen, es gab deutlich weniger Krankheitskeime und der Tagesablauf wies ein entspanntest Verhältnis von Nahrung organisieren und Freizeit auf.

Ich wage zu bezweifeln, dass es das Paradis war, aber schlecht klingt das nicht.

“Aha” es gibt auch andere Möglichkeiten eine Gesellschaft zu strukturieren

Mit der Schwarzmalerei vergangener Zeiten und der Lobpreisung unserer aktuellen Zeit – und ja, ich gehöre auch zu den Menschen die dich regelmäßig fragen, wie sie früher überlebt hätten – verbaut man sich zuweilen die Chance, seine Kultur zu ändern.

Und auch Wissenschaft, so sehr sie sich auch bemüht, im Gewand der Objektivität zu flanieren, wird z.B. bei der Auswahl der Forschungsgebieten – ich mein, wir sind auf dem Mond gelandet aber es herrscht immernoch Unklarheit darüber wo der G-Punkt ist oder ob es ihn gibt – und bei der Interpretation der Daten von der (dominanten) Kultur beeinflusst.

Die Evolutionstheorie wird geradezu euphorisch missbraucht angewendet. So
muss sie für die Unabdingbarkeit von Patriachat, Krieg und Kapitalismus inklusive der Inkaufnahme von “Verlierern” herhalten. Immer mit dem Hinweis darauf, dass wir ja – aus evolutionären Gründen – nicht anders können. Schön wenn man sich wissenschaftlich fundiert nicht um “Schwächere” kümmern muss.

“Aha” der Mensch ist mindestens genauso gut und kooperativ wie böse und manipulativ

Ryan und Jethá argumentieren in ihrem Buch, dass die Steinzeitkulturen vor allem auf Kooperation, Gleichberechtigung innerhalb der Gruppe, teilen und helfen basierten. Diese Lebensweise war in einer menschenleeren Welt mit vielen wilden Tieren wohl am zielführensten fürs Überleben.

In so einer Welt würde ein kontrollsüchtiger, gereizter und geiziger Soziopath wenig Freunde haben und wohl irgendwann einsam in der Wildnis vergessen werden . In diesem Fall hätten seine starken, dominanten Gene eine ziemlich schlechte Chance auf Reproduktion.

Wie von einer faulen Zwiebel schälen Ryan und Jethá Schicht für Schicht der gängigen Theorie des egoistischen Urzeitjägers ab, widerlegen sie mit anderen Forschungsdaten, mit Logik und einer anderen Interpretation.

Ohne romantisches Chichi zeigen sie auf, dass im Menschen die Fähigkeiten für Liebe, Kooperation und Großzügigkeit mindestens genauso angelegt sind, wie die für Zerstörung, Egoismus und Besitzanspruch. Wie so oft, ist es eine Frage, worauf man den Scheinwerfer hält.

“Aha” Evolution ist nicht der Sieg des Stärken und hat auch kein Ziel

Apropos Scheinwerfer, was mich an den gängige Evolutionstheorien immer Bauchschmerzen bereitet hat, war diese mitschwingende Idee, dass Evolution keine Veränderung sondern stets eine Verbesserung ist.

So als würde Evolution ein Computerspiel spielen und sich Level für Level weiterarbeiten. Wir tun aktuell so, als wären wir das Siegerlevel und mit unserer Zivilisation deklarieren wird das Computerspiel für beendet.

Und obgleich wir uns für Evolutionssieger halten, müssen wir in unserem eigenen Leben weiterspielen, wobei der Sieg nur dem Stärksten gilt.

Aber Evolution macht nicht Pause und hat kein Ziel vor Augen. Und die Evolutionstheorie hat nie vom Stärksten, sondern vom Vorteil der am besten an die Gegebenheiten angepassten gesprochen. Im Moment sind das tendenziell Menschen mit wenig Skrupel und einer Leidenschaft für das Horten von Reichtum. Das heißt aber nicht, dass dies immer so war oder immer so sein muss.

“Aha” vielleicht war ein starker Jäger gar kein Beuteschema für Sammlerinnen

Auch wenn heute der am meisten Reichtum hortende Mann das am besten angepasste Männchen ist, hatte die Steinzeitdame möglicherweise ganz andere Kriterien, nach denen sie ihre(n) Geschlechtspartner aussuchte.

Zum einen gab es wohl gar nicht dieses Machtgefälle zwischen Mann und Frau, von dem wir heute noch oft ausgehen.

Es gilt immernoch als Ideal, dass Frauen sich einen Mann suchen, der für sie und ihre Kinder sorgt. Die Männer stellen durch ihren Verdienst Wohnung und Essen zur Verfügung, die Frauen übernehmen den größeren Teil der Kinderbetreuung.

Geht man wie Ryan und Jethá davon aus, dass prähistorische Frauen durch das Sammeln zu einem Großteil der Nahrungsversorgung beitrugen und die Kinderbetreuung durch die gesamte Gruppe übernommen wurde, war der Status des Mannes mit dem sie schliefen relativ egal.

Wenn Frauen nicht auf Männer angewiesen sind, Fleisch ein nice to have ist – auch heute bevorzugen viele Frauen Salat, Obst und Gemüse anstelle eines Steaks – und Schutz und Kinderbetreuung von der gesamten Gruppe übernommen werden, löst sich die Idee der Sammlerin auf der Suche nach dem starken Jäger ganz von selbst auf.

Ryan und Jethá gehen sogar noch einen Schritt weiter und folgern, dass es für die soziale Gruppe am besten gewesen sein muss, wenn jeder Mann davon ausging, dass die Kinder der Minigesellschaft von ihm sein könnten. Warum sollte man einen Vater haben, wenn man auch viele haben kann?

Daraus schlussfolgern sie (logisch), dass die Sammlerinnen regelmäßig mit mehreren verschiedenen Jägern Sex hatten.

Bis heute gibt es Kulturen, in denen die Beteiligung mehrerer Männer an einer Schwangerschaft gewünscht ist.

“Aha” eine starke Libido der Frau ist normal

Ryan und Jethá zitieren Forschungsarbeiten, in denen ernsthaft der Nutzen – unter evolutionären Aspekten – des weibliche Orgasmus in Frage gestellt wird.

Auch sonst bringen sie viele Beispiele, wie Jahrtausende lang die weibliche Libido kleingeredet und pathologisiert wird.

Ausgehend von der Idee, dass Sex maßgeblich zur Stabilität und Harmonie einer prähistorischen Gruppe beigetragen haben kann, sind viel Spaß am Sex und Orgasmen sowohl von Frauen als auch von Männern – auch evolutionär betrachtet – eine clevere Sache.

Die körperliche Realität vieler Frauen, die deutlich häufiger und länger Sex haben können als die meisten Männer und auf sexuelle Reize mindestens genauso stark und sogar flexibler reagieren, gibt ihnen Recht.

Die Crux mit der wir uns heute konfrontiert sehen, liegt darin, dass die Realität des weibliche Körpers nicht konform geht, mit einem Jahrtausende alten und bis heute aktuellen “Ideal” einer keuschen Frau.

Ich persönlich entscheide mich dafür, das gesellschaftliche Modell zu hinterfragen, was allerdings nicht ganz einfach ist. Eine viele hunderte Jahre lange kulturelle Prägung, die Monogamie und eine passive sexuelle Rolle der Frau vorsieht, kann nicht so einfach revidiert werden.

Die Tatsache aber, dass selbst die strengsten Maßnahmen von Verbannung, Verstümmelung und selbst Tod nie verhindern konnten, dass Frauen und Männer ihre Sexualität – inklusive Fremdgehen, Orgien usw. – auslebten, beweist geradezu, wie tief dieser Trieb in uns Menschen verankert ist.

Das wunderbare an Sex at Dawn ist, dass ich hiermit wirklich nur ein paar der Aha-Effekte ausgewählt habe.

Außerdem ist es eine wahre Freude zu lesen, wie Ryan und Jethá die gängigen Theorien dekonstruieren, indem sie einfach nur den Fokus ein wenig verschieben. Wie sie andere Gesellschaftssysteme porträtieren und zeigen, dass wir nicht im einzigen möglichen Weltbild leben. Wie sie mit ein wenig Logik viel ins Wanken bringen und wie sie gesellschaftlich wichtige Thema enorm unterhaltsam und lakonisch behandeln und dabei nicht an wissenschaftlicher Akkuratesse sparen.

Und auch wenn sich ihre Theorien sicherlich auch an einigen Stellen widerlegen lassen, ich einige Dinge trotz ihrer guten Argumente anders sehe und Ryan und Jethá manchmal zu weiß und manchmal zu schwarz malen, kann ich Sex at Dawn nur allerwärmstens empfehlen.

There is no such thing as too much information

Es gab Lebensphasen, in denen berichtete ich – meist meinen Freundinnen – sehr ausführlich über mein Beziehungsleben. Insbesondere, wenn es nicht gut lief, wenn ein Typ nicht zurück- oder anrief oder sich nicht so verhielt, wie ich mir ein Beziehungsleben vorstellte.

So saß ich mit Freundinnen in Café oder Kneipen und werte Satzfetzen oder SMS nach möglichen Hinweisen für seine Liebe für mich aus.

Ich habe kein Mitleid mit meinen Freundinnen, denen ich diese ausufernden Interpretationen antat, denn im Gegenzug habe ich genauso häufig an langweiligen Beziehungsdramen Anteil genommen oder spannende Beziehungsdramen so oft analysiert, bis sie unendlich profan wurden.

Es ist Teil des Freundschaftsdeals und abgesehen davon, dass man seinen Freunden so zeigen kann, dass man auf ihrer Seite steht, sie mag und sie unterstützt, kann es auch unterhaltsam, interessant und spannend sein.

Was ich allerdings nie so ganz verstanden habe ist, dass ich im Rahmen dieser Unterhaltungen zwar eine komplette Beziehung seziert vorgelegt bekam aber niemals oder nur in einem sehr geringen Maß etwas über die Sexualität dieser Partnerschaft erfuhr.

Der Hinweis, dass Sexualität nun etwas sehr Privates ist über dass eben nicht alle Menschen gern sprechen möchten, verlässt den Pfad der Logik wenn man im Rahmen solcher Beziehungsgespräche erfährt, dass die Mutter des Freudinnen-Freundes Alkoholikerin ist oder dass eben jener Freund gern während des Kackens von der Toilette aus rumpöbelt.

Ich für meinen Teil schließe mich zum Kacken ein, würde aber Sex in öffentlichen Parkanlagen haben, gäbe es keine Ameisen. Oder anders ausgedrückt, das Private definiert jeder selbst. Und selbstverständlich kann auch jeder definieren, dass man nicht gern über sein Sexleben spricht oder nur ungern etwas über die Sexualpraktiken seiner Freunde erfährt.

Aber ich habe immer das Gefühl, dass es eine aufgesetzte Sexgesprächsgrenze gibt, die sich keiner zu durchbrechen traut. Und ich glaube, dass es uns gut täte, würde diese Grenze etwas aufgeweicht und nicht immer mit einem gekreischten “too much information” zementiert.

Denn wenn man diese Gesprächsmauer einhält, gibt es grob gesagt nur zwei Möglichkeiten sich über Sex zu informieren: Pornografie oder der Partner.

Grundsätzlich finde ich Pornografie eine gute Sache. Allerdings erfährt man durch Pornos über Sexualität in etwa genaus viel wie in Hollywoodkomödien über Beziehungen. In Pornos finde alle alles total geil und in Hollywoodkomödien ist die Hochzeit oder der Beginn einer ersehnten Beziehung das finale Highlight eines Lebens.

Weder Pornos noch Popcornkino verderben den Menschen aber sie haben eher was von Fantasie als von Lebenswelt. Dafür wurden sie auch gemacht. Sie sind kein Fick- oder Beziehungs-Lehr- und Informationsfilm.

Denn in der Realität hat der Typ in dem man seit Jahren verknallt ist, die Angewohnheit bei seiner Mutter die Wäsche waschen zu lassen und darüber hinaus ist sein Penis deutlich kleiner als all das was man in Pornos dargeboten bekommt. Die Frau, der man den Weg mit 1000 Rosen geebnet hat, wird ein bösartiges Tier wenn sie hungrig ist und stöhnt nicht bei jeder Berühung ihrer Brüste auf.

Überhaupt finde ich die Repräsentation von Frauen in Pornos absurd spannend. Meine Spiegelneuronen konzentrieren sich für gewöhnlich auf die Frau. Und nicht selten komme ich an den Punkt wo ich mich frage, wo habe ich hat sie jetzt eigentlich Spaß. Für mich ist nur in den seltensten Fällen zu erkennen wann und ob Frauen in herkömmlichen Pornos Orgasmen haben. Es ist als wäre ein stets Hintergrundstöhnen gewünscht aber bloß keine Ausschläge egal in welche Richtung.

Und auch beim männlichen Orgasmus sieht man fast nie ein Gesicht. Diese Film-Dramaturgie ist in etwa so sinnvoll, wie die letzten 5 Minuten des Champion League Finales aussschließlich das Publikum zu filmen.

Umso besser, dass es Projekte gibt wie Nelly Porneauxs Blog, in dem von ihr und manchmal auch von Gastautoren, Pornos empfohlen werden. Abgesehen davon, dass ich die Idee großartig und mutig finde, ist es einfach praktisch wenn man sich nicht selbst durch die Vielzahl schlecht gemachter Billigpornos klicken muss.

Es ist natürlich schön, wenn man sich mit seinem Partner über Sex austauschen kann. Ich glaube aber, dass das in gar nicht so vielen Fällen gemacht wird. Ich habe jahrelang Partnerschaften gehabt, in denen ich davon ausging, dass meine Freunde doch schon von selbst darauf kommen sollten, was ich mag. Aber dieser Ansatz war so absurd wie die Anforderung an den Partner, herauszufinden mit welchem Spielzeug man am liebsten als Kind gespielt hat.

Natürlich kann man Glück haben, dass man selbst genau weiß was man will, dass man dies toll kommunizieren kann, einen interessierten Partner hat, der sich darauf einlässt, selbst was einbringt und alles ganz grandios ist. Aber dieses Kommunizieren muss man eben lernen und wie soll das geschehen, wenn man immer wieder an die Sexgesprächsgrenze prallt?

Ich glaube nicht daran, dass sich bei dieser Grenze auf einmal ein riesiges Partnerschaftstor öffnet. Vielmehr wird man auch hier einfach schweigsam auf jeweils einer Seite des Mauer stehen.

In den letzten Wochen und Monaten kam es in meinem Bekanntenkreis allerdings zu kleinen aber bemerkbaren Veränderungen. 50 Shades of Grey scheint irgendwas bewegt zu haben. Auf einmal sitze ich mit Freundinnen in Restaurants und mit strahlenden Augen berichten sie mir von ihrer Lektüre.

Es ist, als hätte die Mauer ein paar Schießscharten bekommen und als würden mehr Leute dazu stehen, dass sie auch gern mal übers Ficken sprechen möchten oder zumindestens über erotische Literatur.

Viele meiner Freundinnen haben 50 Shades auf Ihrem Handy oder ipad gelesen. Es ist eben viel diskreter Schmuddeltexte erotische Literatur in der Ubahn auf dem Handybildschirm zu lesen. Ich glaube, 50 Shades ist nur der Anfang. Erotische Literatur wird durch Smartphones usw. noch ein Quell der Freude für viele Autoren, Verleger und Leser werden.

Glücklicherweise ist EL James jetzt schon nicht die Einzige, die den Markt bedient. Zufällig stieß ich zum Beispiel auf Natalie Rabengut, deren Bücher angenhem kurz und pointiert sind und nicht die moralisch-psychologisierende Elemente der Schattentrilogie aufweisen.

Wenn man danach suchen möchte, findet man im Internet natürlich auch viel interessanten und informativen Sexcontent fern von Youporn und Co.

Derzeit lese ich ganz gerne Betty Dodson und Carlin Ross. Ihr Blog – es gibt auch einen youtube-Kanal, über den ich aber wenig sagen kann – thematisiert fast alle Aspekte der Sexualität aber ihr besonderer Fokus gilt dem (weiblichen) Orgasmus.

Zuweilen nervt mich das amerikanische Streben nach Orgasmus und die massive Betonung von Glückseligkeit durch Sex, Selbstzufriedenheit und Orgasmus aber viele Texte sind auch sehr spannend und man muss den beiden zugestehen, dass sie leidenschaftlich bei der Sache sind.

Und natürlich gibt es auch Pornografie, die etwas differenzierter daher kommt. Dass diese relativ unbekannt ist, liegt unter anderem auch daran, dass sie nicht kostenfrei zur Verfügung steht.

Ich war mit Männern zusammen – und ich glaube, diese Mentalität repräsentiert sehr viele Menschen – die die Qualität eines Restaurants an der Größe der Portionen festgemacht haben. Die würden nie auf die Idee kommen, für Pornografie zu bezahlen, wo es doch genug Fickfilme kostenlos gibt. Man darf allerdings auch nicht vergessen, dass es letztlich um Triebbefriedigung geht und die ist nur sehr selten stilvoll.

Pornos erotische Filme bei denen es sich lohnen könnte, Geld auszugeben, werden zum Beispiel von Liandra Dahl oder Erika Lust gemacht. Ich bin wohl eher der Erika-Lust-Typ aber beide Frauen haben einen sehr eigenen Stil. Womöglich schreckt gerade die Abwendung vom glatten, gut beleuchteten Genitalienzeigen viele ab aber ich bin froh, dass es solche Kontrapunkte gibt und hoffentlich noch mehr und facettenreicher geben wird.

Von einer spannenden Sexualitätsfacette erzählt auch Nelly Porneaux Blogeintrag Zeile für Zeile zum Orgasmus*.

Stoyas Lesung über die Nelly Porneaux schreibt und die verlinkt ist zeigt, dass Pornografie auch ohne Nacktheit auskommen kann, dass Sexualität mehr ist als rein-raus und dass es spannend ist, darüber zu sprechen, darüber zu lesen und darüber nachzudenken, ob die too-much-information-Mauer wirklich sinnvoll ist.

*Als Lesung würde mich das defintiv aus dem Haus locken, ich frage mich allerdings, wie die Facebookeinladung gehalten sein wird.

Re:publica 2012, Tag 1

In Berlin, ohne Kinder ohne Mann und total aufgeregt wie diese Re:publica nun wirklich ist. 

Zunächst einmal: die Station ist eine tolle Location auch wenn man sie nur mit dem Schienenersatzverkehr erreichen kann.

Gleich nachdem ich eingetreten war, hatte ich das Gefühl bei einem Festival zu sein. Genauer auf einem Festival zu dem man nur mit Smartphone Zugang bekommt. Irgendwie wuselig und gleichzeitig euphorisch, fröhlich und schön.

Und ich genoss es, nicht sozial geächtet zu werden, wenn ich ständig auf mein Display starre und rumdaddle. Ganz andere Atmosphäre als auf dem Spielplatz.

Das Männer-Frauen-Verhältnis ist wohl 40-60, ein Tipp für Single-Frauen die einen Faible für intelligente, eigenwillige und nicht immer perfekt gestylte Männer haben.

Und im Notfall tut es auch der ausgesprochen niedliche französische Mitarbeiter an der Bar vor Stage 1. Für ihn nahm ich weite Wege für das Bier in Kauf.

Bisher war ich nur auf Bloggerparties/Treffen oder Lesungen. 
Entsprechend war ich sehr gespannt auf die Panels.

Eingestiegen bin ich also mit Herrn Vetter und ‘Spielregeln für das Netz – sicher publizieren in Blogs, Foren und Sozialen Netzwerken’. Sehr informativ und unterhaltsam, dennoch verließ ich den Raum vor Ende des Vortrags um Kixka Nebraskas Panel zu ‘About me – die digitale Fassade’ zu sehen.

Ich verfolge Kixkas Twitter-Stream schon länger und sie gehörte zu den Leuten, die ich auf der republica unbedingt mal sehen/kennenlernen wollte.

Notiz an mich selbst: wenn man mit den Leuten dann wirklich spricht, einfach mal NICHT klugscheißen.

Kixka Nebraska war sehr aufgeregt, gleichwohl war der Vortrag so gut, dass die Bilder ihrer Präsentation, die sie klar und angenehm schnörkellos erklärte, fest bei mir verankert sind.

Mit nach Hause nehme ich auf jeden Fall, dass die Identität im Internet eben doch ganz oft mit der in der analogen Welt übereinstimmt. Dieses Gefasel von ‘die Leute denken sich im Internet doch was aus und sind nicht sie selbst’ habe ich immer für Blödsinn gehalten. 

Dank Kixka habe ich nun auch argumentative Grundlagen, um diesen Blödsinn vor Noch-Nicht-Onlinern zu wiederlegen.

Dann Damentreffen im Café und ein schönes Gespräch mit Frau Fragmente u.a. über Sexblogs im Internet. 

Wenn ich irgendwas zu sagen hätte, würde ich Frau Fragmente eine Fernsehtalkshow zum Thema Sex geben. Ich glaube, sie hätte das Talent, mit ihrer wohlwollenden, freundlichen, neugierigen und intelligenten Art kluge, witzige und gute Talkrunden – selbst zu ‘schwierigen’ Themen wie Sex – zu führen.

Und diese Talkrunden bräuchte es auch dringend. 

Wow, was für eine Überleitung zu Cindy Gallops Vortrag ‘Make Love Not Porn‘. Ich war ja erst ziemlich skeptisch weil ich im Zweifel Pro-Porno bin aber schnell stellte ich fest dass es Cindy Gallop darum gar nicht geht.

Ihr geht es darum, dass in unserer Gesellschaft das Bild von Sex immer mehr von Pornographie geprägt ist.

Es gibt sozusagen die Entwicklung, dass ‘artifizielle’ Sexualität immer einfacher zu bekommen ist und Kinder immer früher damit in Kontakt kommen, während die ‘tatsächliche’ Sexualität totgeschwiegen wird.

Kurz: wir können aus dem Gedächtnis heraus gebleachte Arschlöcher nachzeichnen aber zu viele Eltern teilen ihren Kindern nicht einmal mit, wie ihre Geschlechtsteile korrekt heißen und sprechen nebulös von ‘unten herum’.

Wenn Pornos dann die sexuelle Erziehung übernehmen ist das tragisch. Und deshalb kam für mich unter anderem die Message rüber: sprecht/schreibt mehr und ehrlicher über Sex (und helft mir bei der Realisierung von makelovenotporn.tv).

Und im Grunde war das auch die Quintessenz des Vortrags von Sascha (kreisch) Lobo. Also, mehr in eigene Blogs zu schreiben, über alle Themen, nicht nur Sex.

Ich musste beim Titel ‘Überraschungsvortrag‘ immer an Kinderüberraschung denken. Und bis auf die Schokolade war es dann auch so. Ein wilder, spannender und unterhaltsamer Ritt durch den aktuellen Stand des Internets. 

Und trotz der anklingenden Verachtung für alle: Nerds, Noch-Nicht-Nerds und Spiegel-Online-Leser war der Vortrag eigentlich sehr philantropisch und konstruktiv. Beweg deinen Arsch, mach was und dann wird alles irgendwie besser. 

Leider musste ich vorzeitig den Saal verlassen, weil eine Freundin aus der analogen Welt – die mich übrigens ganz dringend darum bat etwas Verständliches über die re:publica zu schreiben – schon auf dem Vorplatz auf mich wartete.

Nach Spargel und Kölsch an der Spree fiel ich totmüde ins Hotelbett.

Statt einer kurzen Einleitung oder: viel Vorspiel

Eigentlich wollte ich eine kurze Einleitung für den nächsten Teil meiner Folge Welche Blogs ich lese und warum schreiben. Und dann schrieb ich einen langen Text darüber, warum ich im Internet gern Texte mit sexuellem Inhalt lese. Mir schien es etwas unpassend an den Ende des Textes dann noch meine “Lieblingssexblogs” zu kleben.

Ergo: Liebe Familienangehörigen, liebe Freunde/Leser die keine Lust auf too much information haben, in diesem Blogeintrag geht es um Sex. Nicht im Sinne von, ich werde mich mal vor meinen Kindern deswegen schämen oder für Personen unter 18 Jahren total ungeeignet eher im Sinne von: dieses Thema und Journelles Meinung dazu interessieren wahrscheinlich nicht jeden.

Ich sag das nur, weil ich keine Lust auf Beschwerden habe und weil ich empfehle, die Links nicht unbedingt auf dem Firmencomputer anzuklicken.

Zugegeben ist mir diese verlängerte Einleitung nicht ganz leicht gefallen. Lange habe ich überlegt, was die Leute über mich, meinen Partner und mein Sexleben denken könnten, wenn sie erfahren, was ich gern lese oder dass mich der Themenbereich interessiert.

Bis mir irgendwann klar wurde, dass das Schlimmste was mir passieren kann ist, dass einige Leser ein wesentlich wilderes Sexleben bei mir annehmen könnten als ich jemals hatte, habe oder haben werde. Das Risiko gehe ich ein.

Anfang der 90er jedenfalls war ich ein großer Fan von salt’n’pepa und konnte ‘Let’s Talk About Sex’ mitrappen. Ich habe mir sogar mit meinem Schulenglisch das Lied übersetzt, leider war das nichts, mit dem ich meine spröde Englischlehrerin beeindrucken konnte.

Sei es drum, in Zeiten vor dem Internet war es sehr befreiend zumindestens mal zum Thema mitzugrölen.

Familiär ist meine Begeisterung für das Thema allerdings kein Wunder. Meine Mutter schrieb ihre Examensarbeit über Behinderung und Sex und versprüht auch sonst einen großen Enthusiasmus für und ein großes Interesse an dem Thema.

Dass mein Vater – im übrigens diesbezüglich der zurückhaltenste in der Familie – Gynäkologe war, führte dazu, dass ich bereits mit 6 Jahren einer Freundin meiner Oma erklärte: ‘Meiner Mutter wurde vor einigen Tagen der Uterus entfernt.’ Daraufhin schlug diese erst einmal den Begriff ‘Uterus’ nach.

Mein Bruder indessen gab bei jeder sich bietenden Gelegenheit eine Geschichte zum besten, die ich selbst schon lange vergessen hätte. Jedenfalls erzählte er gern, wie er einmal in mein Zimmer kam, während meine Freundin und ich (damals 7 Jahre) aufeinander lagen und ihn baten wieder zu gehen, mit dem Hinweis: ‘wir bumsen gerade’.

Und dann musste ich gefühlt 1000 Mal in meinem Leben erklären, warum mein Vater Gynäkologe geworden ist. Eine richtig gute Antwort habe ich bis heute nicht dazu, aber eigentlich ist das auch egal.

Fakt ist, er war sehr gut in seinem Job – gefühlt 1000 Mal wurde ich von mir unbekannten Frauen auf die tollen Fähigkeiten meines Vater angesprochen – aber ich habe damit einen weiteren Grund, weshalb ich mich schon früh mit dem Thema beschäftigen musste.

Nur außerhalb der Familie sah die Stimmung anders aus. Um hier mal Vorurteile auszuräumen: Frauen sprechen deutlich weniger über Sex als die männliche Psychologie zu glauben mag.

Frauen – jedenfalls in meiner Generation also ca. bis Jahrgang 1980 – machen sich auch untereinander glauben, dass sie nicht pupsen und unter gar keine Umständen masturbieren. Außerdem ist der Sex selbst mit dem letzten Deppen total super, was sie aber nicht davon abhält mit zunehmendem Alter immer häufiger zu behaupten, dass Männer stets viel mehr Lust haben als Frauen. Maximal im besoffenen Zustand, kurz vor dem Kollaps des Sprachsystems kommen lallend die amüsant bis tragischen Wahrheiten zu Tage.

Da der Großteil meiner Freundinnen also nicht dazu taugten, über Sex zu reden und ich das Thema familienintern als deplatziert empfinde, blieb mir in jungen Jahren nur der Stern.

Dort erfuhr ich, dass es Frauen gibt, die sich einen Harem halten. Mit 11 Jahren machte ich meine Mutter sehr stolz, als ich ihr mitteilte, ich wolle später einen Männerharem. Für mich machte das System Sinn, es scheiterte dann allerdings an der (emotionalen) Realität.

Außerdem las ich präpubertär von professionellen Dominas, die ihre Sklaven Sauerkrautfäden auf eine Wäscheleine aufhängen ließen. Der Text brannte bei mir in jedem Fall die Assotiation eines menschlichen Sauerkraut-Hotdogs auf Ewigkeiten ein.

Und dann blieb mir das Zitat einer Masochistin im Kopf, die meinte, sie würde sich von ihrem Mann schlagen lassen, aber das hieße nicht, dass sie sich von irgendjemand sonst irgendwas gefallen lassen würde, schon gar nicht von Busfahrern.

Wahrscheinlich wohnte die Frau in Berlin. In Berlin habe ich jedenfalls neulich einen Straßenbahn-Fahrer kennengelernt, der mich anpöbelte und den Kinderwagen inkl. Tochter rüde wegschupste. Da hätte ich gern zugeschlagen oder ihn wenigstens gezwungen, Sauerkrautfäden aufzuhängen.

Kurz, so richtig praktikabel für meine Realität war das, was ich im Stern las nicht.

Eine Jugend auf dem Land ist sexuell gesehen sicherlich nicht das Schlimmste. Meine Vorstellung von Fisten ist bis zum heutigen Tag stark von behandschuht besamenden Tierärzten geprägt. Außerdem kann es passieren, dass man mit Dachdeckern rumknutscht, die unter ‘sich fein machen’ verstehen, die besonders weißen Tennissocken in die braunen Slipper anzuziehen.

Die Nachteile liegen genauso auf der Hand. Katholizismus und Sex klingen deutlich perverser als die Realität in einer kleinen Grenzstadt. Auf den katholischen Campingfreizeiten wurden jedenfalls deutlich mehr Saufspiele veranstaltet und Pipi-Kacka-Witze gerissen als defloriert. Und Offenheit in einer Kleinstadt ist nur dann ein Thema, wenn man damit auf die Andersartigkeit einer Person aufmerksam machen kann.

Arno aus meiner Jahrgangstufe hatte damals versucht, seine Freundin zum Analsex zu überreden, was diese nach der Trennung wohl einer verschwiegenen Freundin erzählte. Bis zum Abitur hieß Arno jedenfalls nur noch Arno Arschficker und machte niemandem Mut, irgendjemanden etwas von sexuellen Vorlieben beyond Missionarsstellung zu erzählen. Es ist also auch nicht verwunderlich, dass es in unserer Stufe keine (bekennenden) Homosexuellen gab.

Ich glaube, mit dem Internet änderte sich vieles. Nicht immer zum Besten aber selbst im westlichsten Zipfel der Republik hätte Arno sich trösten können, dass emma546 aus Passau auf Analsex steht und eine Anleitung hätte er mit einem entsprechenden Search Request auch gefunden.

Überhaupt denke ich, dass das Internet ein stilles Potential für eine weitere sexuellen Revolution hat. Noch dominieren die grellen Stimmen, die dass das Internet vor allem für pornosüchtige Minderjährige und die Pervertierung der Gesellschaft verantwortlich machen. Außerdem wird jede Gelegenheit genutzt, auf die Unkontrollierbarkeit von Kindernschändern im Netz hinzuweisen, mit dem gleichzeitigen Fordern nach Zensur und Kontrolle.

Die positiven Entwicklungen plätschern leise in den abgelegenen Flüssen sexueller Subkulturen. Wahrscheinlich gab es noch nie eine so kreative und vor allem heterogene Pornoindustrie. Zur Zeit meiner Adoleszenz gab es den Playboy, kleine häßliche Magazine in Tankstellen und Schmuddelecken in Videotheken.

Heute gibt es Frauenpornos wie die von Liandra Dahl oder Tristan Taormino. Außerdem gibt es Fetisch-Pornoanbieter, die auf Beschwerden reflektiert reagieren (via Mädchenmannschaft).

Nicht selten erschütternd aber gleichwohl für manche hoffentlich hilfreich sind Foren wie gofeminin. Dort wird jedes erdenkliche Thema diskutiert wird und die Anonymität des Netzes fördert eine Mischung aus Tragik, Komik und Wahrheits-Ungenauigkeit bei gleichzeitigem Seelenstrip zu Tage.

Blogtechnisch gibt es meiner Meinung nach im deutschen Sprachraum leider wenig Beeindruckendes.

Als ich mit dem Bloggen begann, gab es eine deutsche belledejour, wobei ein Großteil der Popularität wohl aus der Frage nach dem oder der AutorIn resultierte. Dann verfolgte ich eine Zeitlang das Blog einer Swingerin, was dann von einem Moment auf den anderen verschwand. Streetgirl ist mittlerweile beruflich und blogtechnisch in Rente, was aber nicht bedeutet, dass die alten Texte nicht sehr lesenswert wären.

Wahrscheinlich sind (deutsche) Blogs doch noch zu sehr ein kleines Dorf in dem man Angst hat, zu viel von sich zu erzählen, weil man dann unangehnehme Spitznamen bekommen könnte. Vielleicht reden aber auch nur einfach nicht viele Menschen gern über Sex oder uns fehlen noch die entsprechenden Worte die das Thema aus der Schmuddelecke (‘Fick mich Du wilder Hengst’) holen, ihr die Albernheit nehmen (‘Gib mir Tiernamen’) und den überzogenen Pathos entfernen (‘Wir liebten uns wie Götter auf dem Olymp, es war transzendental’).

Gelungene Blog-Beispiele dafür, sexuelle Themen in gut leserliche Worte zu fassen dann beim nächsten Mal: Welche Blogs ich lese und warum: salt’n’pepa.