Kurzer Hinweis: ich hätte gern aus dem im folgenden Text erwähnten Buch zitiert. Unter anderem, um zu zeigen wie unterhaltsam, klug und witzig es ist. Leider kann ich aus meiner Kindle-App nicht kopieren. Ich gehe daher davon aus, dass das Zitieren nicht gewünscht ist. Um eventuellen Abmahnungen zu entgehen muss es im folgenden Text also ohne Zitate gehen.
“Aha” ist ein schöner Effekt wenn man ein Buch liest.
Sex at Dawn: How We Mate, Why We Stray, and What It Means for Modern Relationships von Christopher Ryan und Calcida Jethá war für mich ein Buch mit sehr vielen “Ahas”.
Oder anders ausgedrückt, Dinge die mir immer unlogisch erschienen, sind offenbar auch unlogisch.
Kurz zusammengefasst geht es in Sex at Dawn, um die evolutionäre Betrachtung der menschlichen Sexualität. Ein wenig ist es so,als hätte das Buch die blanken Stellen von Darwins Evolutionstheorie ausgefüllt und ein paar Eckpunkte neu verknüpft.
Für viel Furore hat gesorgt, dass im Buch die These aufstellt wird, dass in der menschlichen Frühzeit – also bevor wir mit Landwirtschaft und Viehzucht begonnen haben – Menschen polygam lebten.
Genauer gesagt war Sex wichtig für den Zusammenhalt der Gemeinschaft und so hatten regelmäßig Frauen mit vielen Männern und Männer mit vielen Frauen Sex. Die Themen Homo- und Bisexualität werden nur am Rande besprochen. Aber auch das sollte in prähistorischen Gesellschaften eher unproblematisch gewesen sein.
So ist Sex at Dawn wohl zu einen Standardwerk in polyamoren Kreisen geworden, schreckt dadurch aber womöglich auch viele Leute ab.
Schade, denn das Buch ist deutlich vielschichtiger als ein: make love not war und außerdem ausgesprochen unterhaltsam.
“Aha” wir leben gar nicht unbedingt in der Besten aller möglichen Welten
Für mich wichtiger als sexuelle Details über polygame Lebensweisen der Steinzeit war die grundsätzlich neue und andere Sicht des Buchs auf unsere Vorfahren.
Denn weder hatten wir es mit Familie Feuerstein noch mit armen, hungernden, kranken und unglücklichen Menschen zu tun.
Es wird zwar versucht, nicht allzu dick bei der Malerei des Steinzeitgemäldes aufzutragen aber natürlich wird ein sehr positives Bild damaligen Leben gezeichnet.
Aber selbst wenn man ein bisschen Grau in das Bild mischt wird ein wesentlicher Punkt klar: Steinzeitmenschen lebten ein Leben in einer egalitären Gruppe, in einer relativ einsamen Welt, die territoriales Denken obsolet machte, sie hatten genug (und vor allem vielseitiges) zu essen, es gab deutlich weniger Krankheitskeime und der Tagesablauf wies ein entspanntest Verhältnis von Nahrung organisieren und Freizeit auf.
Ich wage zu bezweifeln, dass es das Paradis war, aber schlecht klingt das nicht.
“Aha” es gibt auch andere Möglichkeiten eine Gesellschaft zu strukturieren
Mit der Schwarzmalerei vergangener Zeiten und der Lobpreisung unserer aktuellen Zeit – und ja, ich gehöre auch zu den Menschen die dich regelmäßig fragen, wie sie früher überlebt hätten – verbaut man sich zuweilen die Chance, seine Kultur zu ändern.
Und auch Wissenschaft, so sehr sie sich auch bemüht, im Gewand der Objektivität zu flanieren, wird z.B. bei der Auswahl der Forschungsgebieten – ich mein, wir sind auf dem Mond gelandet aber es herrscht immernoch Unklarheit darüber wo der G-Punkt ist oder ob es ihn gibt – und bei der Interpretation der Daten von der (dominanten) Kultur beeinflusst.
Die Evolutionstheorie wird geradezu euphorisch missbraucht angewendet. So
muss sie für die Unabdingbarkeit von Patriachat, Krieg und Kapitalismus inklusive der Inkaufnahme von “Verlierern” herhalten. Immer mit dem Hinweis darauf, dass wir ja – aus evolutionären Gründen – nicht anders können. Schön wenn man sich wissenschaftlich fundiert nicht um “Schwächere” kümmern muss.
“Aha” der Mensch ist mindestens genauso gut und kooperativ wie böse und manipulativ
Ryan und Jethá argumentieren in ihrem Buch, dass die Steinzeitkulturen vor allem auf Kooperation, Gleichberechtigung innerhalb der Gruppe, teilen und helfen basierten. Diese Lebensweise war in einer menschenleeren Welt mit vielen wilden Tieren wohl am zielführensten fürs Überleben.
In so einer Welt würde ein kontrollsüchtiger, gereizter und geiziger Soziopath wenig Freunde haben und wohl irgendwann einsam in der Wildnis vergessen werden . In diesem Fall hätten seine starken, dominanten Gene eine ziemlich schlechte Chance auf Reproduktion.
Wie von einer faulen Zwiebel schälen Ryan und Jethá Schicht für Schicht der gängigen Theorie des egoistischen Urzeitjägers ab, widerlegen sie mit anderen Forschungsdaten, mit Logik und einer anderen Interpretation.
Ohne romantisches Chichi zeigen sie auf, dass im Menschen die Fähigkeiten für Liebe, Kooperation und Großzügigkeit mindestens genauso angelegt sind, wie die für Zerstörung, Egoismus und Besitzanspruch. Wie so oft, ist es eine Frage, worauf man den Scheinwerfer hält.
“Aha” Evolution ist nicht der Sieg des Stärken und hat auch kein Ziel
Apropos Scheinwerfer, was mich an den gängige Evolutionstheorien immer Bauchschmerzen bereitet hat, war diese mitschwingende Idee, dass Evolution keine Veränderung sondern stets eine Verbesserung ist.
So als würde Evolution ein Computerspiel spielen und sich Level für Level weiterarbeiten. Wir tun aktuell so, als wären wir das Siegerlevel und mit unserer Zivilisation deklarieren wird das Computerspiel für beendet.
Und obgleich wir uns für Evolutionssieger halten, müssen wir in unserem eigenen Leben weiterspielen, wobei der Sieg nur dem Stärksten gilt.
Aber Evolution macht nicht Pause und hat kein Ziel vor Augen. Und die Evolutionstheorie hat nie vom Stärksten, sondern vom Vorteil der am besten an die Gegebenheiten angepassten gesprochen. Im Moment sind das tendenziell Menschen mit wenig Skrupel und einer Leidenschaft für das Horten von Reichtum. Das heißt aber nicht, dass dies immer so war oder immer so sein muss.
“Aha” vielleicht war ein starker Jäger gar kein Beuteschema für Sammlerinnen
Auch wenn heute der am meisten Reichtum hortende Mann das am besten angepasste Männchen ist, hatte die Steinzeitdame möglicherweise ganz andere Kriterien, nach denen sie ihre(n) Geschlechtspartner aussuchte.
Zum einen gab es wohl gar nicht dieses Machtgefälle zwischen Mann und Frau, von dem wir heute noch oft ausgehen.
Es gilt immernoch als Ideal, dass Frauen sich einen Mann suchen, der für sie und ihre Kinder sorgt. Die Männer stellen durch ihren Verdienst Wohnung und Essen zur Verfügung, die Frauen übernehmen den größeren Teil der Kinderbetreuung.
Geht man wie Ryan und Jethá davon aus, dass prähistorische Frauen durch das Sammeln zu einem Großteil der Nahrungsversorgung beitrugen und die Kinderbetreuung durch die gesamte Gruppe übernommen wurde, war der Status des Mannes mit dem sie schliefen relativ egal.
Wenn Frauen nicht auf Männer angewiesen sind, Fleisch ein nice to have ist – auch heute bevorzugen viele Frauen Salat, Obst und Gemüse anstelle eines Steaks – und Schutz und Kinderbetreuung von der gesamten Gruppe übernommen werden, löst sich die Idee der Sammlerin auf der Suche nach dem starken Jäger ganz von selbst auf.
Ryan und Jethá gehen sogar noch einen Schritt weiter und folgern, dass es für die soziale Gruppe am besten gewesen sein muss, wenn jeder Mann davon ausging, dass die Kinder der Minigesellschaft von ihm sein könnten. Warum sollte man einen Vater haben, wenn man auch viele haben kann?
Daraus schlussfolgern sie (logisch), dass die Sammlerinnen regelmäßig mit mehreren verschiedenen Jägern Sex hatten.
Bis heute gibt es Kulturen, in denen die Beteiligung mehrerer Männer an einer Schwangerschaft gewünscht ist.
“Aha” eine starke Libido der Frau ist normal
Ryan und Jethá zitieren Forschungsarbeiten, in denen ernsthaft der Nutzen – unter evolutionären Aspekten – des weibliche Orgasmus in Frage gestellt wird.
Auch sonst bringen sie viele Beispiele, wie Jahrtausende lang die weibliche Libido kleingeredet und pathologisiert wird.
Ausgehend von der Idee, dass Sex maßgeblich zur Stabilität und Harmonie einer prähistorischen Gruppe beigetragen haben kann, sind viel Spaß am Sex und Orgasmen sowohl von Frauen als auch von Männern – auch evolutionär betrachtet – eine clevere Sache.
Die körperliche Realität vieler Frauen, die deutlich häufiger und länger Sex haben können als die meisten Männer und auf sexuelle Reize mindestens genauso stark und sogar flexibler reagieren, gibt ihnen Recht.
Die Crux mit der wir uns heute konfrontiert sehen, liegt darin, dass die Realität des weibliche Körpers nicht konform geht, mit einem Jahrtausende alten und bis heute aktuellen “Ideal” einer keuschen Frau.
Ich persönlich entscheide mich dafür, das gesellschaftliche Modell zu hinterfragen, was allerdings nicht ganz einfach ist. Eine viele hunderte Jahre lange kulturelle Prägung, die Monogamie und eine passive sexuelle Rolle der Frau vorsieht, kann nicht so einfach revidiert werden.
Die Tatsache aber, dass selbst die strengsten Maßnahmen von Verbannung, Verstümmelung und selbst Tod nie verhindern konnten, dass Frauen und Männer ihre Sexualität – inklusive Fremdgehen, Orgien usw. – auslebten, beweist geradezu, wie tief dieser Trieb in uns Menschen verankert ist.
Das wunderbare an Sex at Dawn ist, dass ich hiermit wirklich nur ein paar der Aha-Effekte ausgewählt habe.
Außerdem ist es eine wahre Freude zu lesen, wie Ryan und Jethá die gängigen Theorien dekonstruieren, indem sie einfach nur den Fokus ein wenig verschieben. Wie sie andere Gesellschaftssysteme porträtieren und zeigen, dass wir nicht im einzigen möglichen Weltbild leben. Wie sie mit ein wenig Logik viel ins Wanken bringen und wie sie gesellschaftlich wichtige Thema enorm unterhaltsam und lakonisch behandeln und dabei nicht an wissenschaftlicher Akkuratesse sparen.
Und auch wenn sich ihre Theorien sicherlich auch an einigen Stellen widerlegen lassen, ich einige Dinge trotz ihrer guten Argumente anders sehe und Ryan und Jethá manchmal zu weiß und manchmal zu schwarz malen, kann ich Sex at Dawn nur allerwärmstens empfehlen.