Verständnis ist keine Option

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Heute war ich mit meiner Familie in Berlin im Holocaustmahnmal.
Ich habe mich früher oft gefragt, wie Menschen dazu kommen, anderen Menschen so etwas anzutun, wie eine ganze Nation einem grausamen Sadismus verfallen kann. Die Wahl in den USA zeigt, wie viele Menschen willig sind, andere Menschen zu verachten und zu quälen. Sie genießen es, sich über anders aussehende, anders denkende, anders glaubende und anders liebende zu erheben und ihnen immer wieder zu sagen und zu zeigen, wie abartig sie sie finden und ihnen immer wieder die Gleichberechtigung abzusprechen.

Wer glaubt, dass sei ein Problem, dass sich nur auf die USA beschränkt, ist naiv. Bei uns ist das Thema genauso aktuell. Die AfD zieht fröhlich in die Landtage ein und die Antwort vieler Parteien, Politiker und Medien ist, sich diesen Menschen anzunähern, sie zu verstehen oder gar ihre Ideen und ihre Rhetorik zu übernehmen. Gern wird die politische Korrektheit gar als Ursache gesehen dafür, dass immer mehr Menschen marodierend umherziehen,
Flüchtlingskinder zum heulen bringen, Menschen mit Gewalt drohen oder gar angreifen oder Leute im Internet mit Hassparolen belästigen und bedrohen.

Aber wer das alles mal logisch durchdenkt, muss zu dem Schluss kommen, dass die politische Korrektheit nichts damit zu tun hat. Anstand und Respekt können nicht das Problem sein. Keine Diskussion wird durch Beschimpfung und Beleidigung besser. Es geht hier ausschließlich um die Freude an der Verachtung, an der Demonstranz der eigenen Überlegenheit und des Machtanspruchs. Wer sich so verhält, ist nicht intellektuell oder gesellschaftlich abgehängt worden. Wer sich so verhält, hat einfach keine gesellschaftliche Integrität. So eine Person möchte nicht abgeholt werden, so eine Person möchte ohne die Gefahr der Konsequenz anderen das Leben zur Hölle machen.

Deshalb ist die Behauptung, man dürfe ja nichts mehr sagen, so irre ironisch. Dieses Gejammer derjenigen, die ohnehin schon mehr Gehör finden als alle anderen, die Angst und Schrecken verbreiten, die andere beleidigen, möchte ich nicht mehr akzeptieren. Nur dass ich nicht falsch verstanden werde, ich habe kein Problem mit der Äußerung von Meinung. Ich kämpfe sogar gern mit dafür, dass die vermeintlich unterdrückte „Mehrheit“ weiter rassistische, sexistische und homophone Dinge sagen darf. Zensur – da sind wir uns einig – ist keine Option. Aber was ich ihnen nicht zugestehen werde, ist eine Berechtigung oder gar eine Entschuldigung. Es gibt keine rassistische Äußerung, die besser wird, wenn man ein „Ich bin kein Rassist, aber…“ davorsetzt. Es gibt keinen Grund andere Menschen wegen Hautfarbe, Geschlecht, Religion oder Sexualität zu degradieren. Menschlichkeit und Humanismus können nicht relativiert werden.

Das kann man anders sehen, aber dann muss man sich eben auch fragen lassen, welche niederen Instinkte dahinter stehen. Nach der Wahl von Trump halte ich fast alles für möglich. Aus diesem Grunde ist es wichtiger denn je, Dinge zu benennen, statt sie zu entschuldigen.

Kraut, Schuld und Sühne

Am Weltfrauentag hat Tilo Jung zum Thema Weltfrauentag auf Instagram ein Foto gepostet, auf dem eine Frau in den Rücken getreten wird.

Tilo Jung ist Reporter bei Krautreporter und etwas bekannt, unter anderem durch seine Sendung Jung & naiv. Darüber hinaus ist er schon häufiger unangenehm aufgefallen. Beispielsweise hat er in einem Werbespot mitgespielt, in dem er einer Frau mit Schlafproblemen hilft, indem er sie mit einer Kopfnuss bewusstlos schlägt.

Das alles ist dumm, sexistisch und gar nicht witzig.

Das Posting am Weltfrauentag wurde absolut zu Recht als völlig entgleist kritisiert. Es folgte eine Debatte vor allem auf Twitter und auf diversen Medienseiten.

Heute verkündeten die Krautreporter, dass sie mit Jung gesprochen hätten. Es täte ihm leid. Sie würden ihn nicht entlassen aber erstmal keine Artikel vom ihm veröffentlichen.

Als ich heute twitterte


entwickelte sich eine spannende Diskussion.

Von dieser Diskussion möchte ich ein paar Punkte aufgreifen, weil ich glaube, dass sie für das Kernproblem wichtig sind. Denn die eigentliche Frage ist doch: welche Konsequenzen hat eine sexistische Äußerung bzw. welche Konsequenzen sollte sie haben?

Aus Sicht eines Arbeitnehmers finde ich die Reaktion der Krautreporter fair und richtig. Ich wünsche mir auch, dass mein Arbeitgeber mich nicht nach einem Fehler feuert. Deshalb werden Mitarbeiter für gewöhnlich zunächst abgemahnt und erst nach wiederholtem Fehlverhalten gekündigt. Ich finde auch eine (kleine) mediale Figur hat das Recht auf Arbeitnehmerschutz (ich inkludiere hier auch feste-freie Mitarbeiter).

Der Einwand, dass Jung kein „Ersttäter“ sei, ist natürlich richtig aber hier sehe ich das Problem eher bei den Krautreportern. Wie Natollie so schön schreibt:

Für mich sind die Krautreporter eine Gruppe selbstgefälliger Journalisten, die glaubten, Kraft ihres empfundenen Genies den digitalen Journalismus neu zu erfinden. Immerhin konnten sie genügend Geld für ihr Projekt zusammentragen, aber das Resultat ist in 95% der Artikel der gleiche langweilige Journalismus, den sie ja ursprünglich revolutionieren wollten. Zu allem Übel haben sie nicht nur die Langeweile, sondern auch den gesellschaftlich tolerieren Sexismus der etablierten Medien übernommen.

Tilo Jung ist also kein Versehen, sondern Teil des Programms. Und da ist es nur konsequent, dass sich sein Arbeitgeber, der ihm trotz seiner bekannten (sexistischen) Weltsicht angeheuert hat, hinter ihn stellt.

Das eigentlich empörende – für mich – ist, dass Sexismus nach wie vor hoffähig ist. Die Krautreporter können eine große Menge Geld zusammenbekommen, obwohl sie bei der „Revolution“ vergessen, Frauen mit an Bord zu nehmen, die Matusseks und Fleischhauers dieser Welt finden ein Medium, die sie bezahlt und veröffentlich und eine Leserschaft, die sie liest und auf „Frauensendern“ laufen Sendungen über Hochzeitskleider.

Das alles zeigt, dass wir nach wie vor in einer Gesellschaft leben, in der sexistische Äußerungen oder Handlungen keine wirtschaftlichen und kaum gesellschaftliche Konsequenzen haben.

Und wie Meike kotzt es mich an.

Trotzdem wage ich zu bezweifeln, dass die Forderung nach einer Kündigung von Jung das richtige Zeichen ist.

Ein Posting zu kritisieren ist das eine, sich zu wünschen, das Köpfe rollen oder jemanden auf die gleiche persönliche Art anzugreifen, die man gerade kritisiert hat, ist das andere.

Und das sage ich nicht, weil ich Mitleid mit Jung habe, sondern weil ich glaube, dass sich Gräben so noch vertiefen.

Von mir aus können die Tilo Jungs und Krautreporter dieser Welt sang und klanglos untergehen aber viel besser wäre es doch, wenn – zumindest einige – einsehen würden, dass ein Miteinander von Frauen und Männer viel spannender und revolutionärer ist, als ein Gegeneinander. Ich halte deshalb Kommunikation für zielführender als die Forderung nach Vergeltung.

Ich rolle mein Geschlecht

Eigentlich hatte ich vor einiger Zeit beschlossen, mich auf den Boden zu werfen und hin und her zu rollen, wenn irgendjemand wieder von Geschlechterrollen spricht. Aber dann war ich immer zu schüchtern und der Boden zu dreckig.

Mikael Krogerus hat im Freitag eine kleines Essay über die schwedische Sicht auf die deutsche Sexismusdebatte geschrieben. Männer baggern wie blöde ist lesenswert und spannend. Der letzte Abschnitt Der Bestseller „Min Kamp“ (nicht zu verwechseln mit der deutschen Version des Buchtitels) hat mich allerdings etwas verstört.

Nachdem er zwei Drittel des Textes dafür verwendet hat, zu berichten, wie entspannt das Geschlechterverhältnis in Skandinavien ist, liest man im letzten Abschnitt, dass die schwedischen Männer eigentlich total frustriert sind und Karl Ove Knausgårds Min Kamp, deutsche Version: Sterben wie eine Bibel lesen.

Nach der Beschreibung Krogerus geht es in dem Buch – es ist eigentlich ein Zyklus von 6 Büchern – um die Sehnsucht nach Freiheit und um die Angst, kein wilder Mann sein zu können oder zu dürfen.

Zunächst einmal fand ich es amüsant, dass Knausgårds Buch wohl das männliche Pendant zu 50 Shades of Grey ist. Als Tragisch könnte man interpretieren, dass sich Frauen anscheinden danach sehnen, sich Hals über Kopf in einen psychopathischen Typen zu verlieben, der sie manchmal ordentlich verprügelt und Männer allein irgendwo in der Wildnis sich selbst finden möchten.

Letztlich scheinen aber Frauen und Männer das gleiche Problem zu haben. Sie wollen was erleben, am liebsten Extase und Exzess.

Offenbar sind die Herangehensweisen unterschiedlich aber wie so oft sind sich Frauen und Männer ähnlicher, als es zunächst den Anschein hat. Denn das Bedürfnis ist das gleiche: Der Ausbruch aus den Zwängen der Alltäglichkeit.

Insofern kann ich das Gerede über die Rollen von Männern und Frauen nicht mehr hören. Wir alle haben unser Päckchen zu tragen und manchmal einfach keinen Bock mehr um 19 50 zwei kleinen Kindern die Zähne zu putzen. Nur weil ich eine Frau bin, mache ich das nicht lieber. Und wenn ein Mann diese Arbeit übernimmt, ist er kein Weichei.

Das Problem liegt woanders. Vielleicht in der Gesellschaft, die wenig Raum für persönliche Freiheit lässt. Vielleicht in der Illusion, dass man eine bestimmte Rolle auszufüllen hat, die irgendwie irgendwann mal so definiert wurde oder vielleicht daran, dass wir eine Sellvertreterdiskussion führen, anstatt uns einfach mal mit der Möglichkeit oder der Unmöglichkeit unserer Bedürfnisse befassen.

Insofern: geh in den Wald, schieß ein Reh, lass Dich fesseln, geh zur Pediküre oder betrink Dich eine Woche lang auf Mallorca aber schieb es nicht auf Deine Geschlechterrolle.