Womöglich macht viel Sex gar nicht traurig

Anfang April las ich über Blendle Ich zähl‘ bis 100. Darin geht es um Lotta (die nicht so heißt), die sich selbst zur Aufgabe gestellt hat, 100 Sexualpartner zu haben. Über ihre Erfahrungen führt sie seit ihrer Jugend relativ genau Buch und ist derzeit in den 80ern.

Ich fand das natürlich sehr spannend und kaufte gleich den Text. Oberflächlich ist der Text interessant und gut lesbar. Trotzdem hatte ich das Gefühl, das irgendwas nicht darin stimmt. Hinter der nidoschen Coolness sind die klassischen Elemente einer abstrusen Vorstellung von Frauen und Sexualität versteckt. Sie nerven mich seit Jahren – wofür der Text eigentlich nichts kann – so dass ich noch mitten in der Nacht unter anderem twitterte:

(Da es bereits auf Twitter zu Nachfragen kam: Mit „aggressiv“ meine ich forsch, einfordernd und nicht gewaltsam.)

Frauen, die eine ausgeprägte Sexualität haben, werden nach wie vor als außergewöhnlich wahrgenommen. Damit aber nicht genug, es findet immer auch eine indirekte Bewertung statt. Der Grund für viel abwechslungsreichen Sex kann nur die Kompensation anderer Defizite und der Wunsch nach Aufmerksamkeit und Bestätigung sein. Damit wird eine starke Libido gleich in die Ecke der psychischen Erkrankungen dirigiert. So kommt auch im Nido-Text unweigerlich die Frage auf, ob Lotta eventuell sexsüchtig ist.

Die zweite Bewertung findet dann auf der Ebene der wahren Liebe – im Gegensatz zum oberflächlichen Sexpartner – statt. Es wird angenommen, dass jede Person und insbesondere Frauen auf der Suche nach der großen Liebe sind. Damit aber nicht genug, die große Liebe kann in der Welt dieses Textes offenbar nur in der Monogamie gedeihen. Häufig werden in dem Text die Personen hervorgehoben, die für Lotta langfristige Partner hätten werden können und die Trennungen werden melancholisch kommentiert. Ganz wichtig ist auch die Frage, ob ein potentieller langfristiger männlicher Partner überhaupt damit klar käme, dass Lotta so viele Sexualpartner hatte.

Der größte Mist über Sexualität wird geschrieben, weil wir uns einfach nicht eingestehen können oder wollen, dass Frauen Lust haben. Frauen und Männer unterscheiden sich in ihren sexuellen Bedürfnissen kaum. Sicherlich haben Menschen unterschiedliche sexuelle Bedürfnisse, aber das hat nichts mit ihrem Geschlecht zu tun. Männer und Frauen unterscheiden sich allerdings sehr wohl darin, wie sie damit umgehen. Ich habe meine Pubertät bis in die 20er hinein, damit verbracht, mich über mich zu wundern. Nichts von dem, was über weibliche Sexualität geschrieben wurde, stimmte mit dem was ich empfand, überrein. Ich konnte sehr gut Sexualität und Liebe voneinander trennen, ich brauchte keine Aufwärmphase und ich stellte fest, dass ich im Vergleich zu Männern deutlich ausdauernder war. Viele Freundinnen von mir teilten diese Erfahrung aber wir verhielten uns meist viel braver, als wir gewollt hätten.

Die Lust der Frau ist da. Das gesellschaftliche Narrativ ist falsch. Aber Frauen und Männer spielen trotzdem mit. Irgendwann wurde festgelegt, dass Frauen keine Lust haben und zum Sex überredet werden müssen und männliche Lust gleichzeitig unkontrollierbar ist. Würde diese Prämissen in Frage gestellt werden, würde das eine enorme Dynamik freisetzen und gleich auch unsere Vorstellungen und Definitionen von Beziehung,Partnerschaft und Familie in Frage stellen. Das ist den meisten dann doch zu viel und so wird das Thema öffentlich nur sehr behutsam angegeben.

Ich erinnere mich an eine sehr gute und empfehlenswerte Folge Scobel Die Lust der Frau. Susanne Schröter und Ann-Marlene Henning versuchen ein paar Mal zu sagen, dass weibliche Lust viel massiver ist, als gemeinhin geglaubt wird. Aber Ulrich Clement relativiert das sogleich und die Damen ziehen sie sich mild lächelnd zurück.

Die „Strafen“ für ausgelebte weibliche Lust sind eben relativ hoch. So wird Lotta wegen ihrer Sexualität gleich etwas Pathologisches, Trauriges, Neurotisches unterstellt. Solch eine Schlussfolgerung müsste ausgelacht werden. Es gibt viele Dinge, die mich traurig machen, Sex oder Orgasmen zählten nie dazu. Sexualität – auch mit Leuten, die man nicht heiratet – kann durchaus etwas verbindendes haben. Es nervt so, dass Sex ohne den Rahmen einer ernsthaft beabsichtigen Beziehung immer als leer und krankhaft dargestellt wird. Sexualität ist eine Form der Kommunikation. Wir interpretieren Smalltalk oder Gespräche mit Fremden doch auch nicht gleich als Persönlichkeitsstörung.

Nachdem Lotta aber deutlich macht, dass sie nicht sexsüchtig und dauerhaft traurig ist, folgt die 2. Druckstufe. Lotta wird es nämlich schwer haben, einen „richtigen“ Partner zu finden. Es ist unfassbar, mit welcher Selbstverständlichkeit davon ausgegangen wird, dass das Lebensziel jeder Frau ein männlicher Partner und eine Familie ist. Ich weiß natürlich nicht, wie gern Lotta wirklich eine langfristige Beziehung möchte, aber kommt denn niemand auf die Idee, dass es als Single auch sehr schön sein kann? Nicht jeder möchte eine Beziehung haben. Warum wird eine Frau, die sehr viel sexuelle Erfahrung hat, nicht nach ihren sexuellen Erfahrung gefragt, sondern danach, wann sie endlich monogam wird? Und warum wird bei Lotta – die auch Sex mit Frauen hat – so selbstverständlich von der Suche nach einem Mann ausgegangen?

Sollte eine Frau wie Lotta jedenfalls eine Beziehung wollen, dann wird das schwierig. Das suggeriert zumindest der Text. Männer – so wird klar vorausgesetzt – könnten von Frauen mit viel Erfahrung nämlich verunsichert werden und sich dann zurückziehen. Ja, wunderbar wer will denn auch schon einen Mann, der sich von sowas einschüchtern lässt? Dann passen Lotta und diese Person einfach nicht zusammen, ist doch großartig, wenn das gleich geklärt ist. Es ist vollkommen normal, dass man sich einen Partner sucht, der ähnliche Vorstellungen vom Leben haben, wie man selbst. Nur bei der Sexualität soll sich die Frau auf einmal verstellen? Sicherlich keine gute Basis für eine aufrichtige Beziehung.

Mit einem Partner, der nicht voller Angst ist, könnte man womöglich auch besprechen, wie man mit dem Thema innerhalb einer Beziehung umgeht. Der Nido-Text suggeriert wie selbstverständlich, dass eine Beziehung monogam sein muss. Lotta bleibt also gar nichts anderes übrig, als ihre Sexualität innerhalb einer Beziehung auf Jahre zu drosseln. Warum ist es so schwer, logisch zu denken und eine Beziehung auch mal anders als monogam zu definieren? Sicherlich wäre das nur mit einer Person möglich, ihre ihre Geschichte kennt, die sich davon angezogen fühlt, womöglich ähnliche Interessen hat und bereit ist, sich darauf einzulassen.

Dieses Herangehensweise ist dann aber wohl zu progressiv. Sie würde so vieles infrage stellen und womöglich dazu führen, dass Menschen beginnen, andere Lebens- und Liebeskonzepte auszuprobieren. Wer will das schon? Die Nido ganz offenbar nicht und auch sonst lächeln wir freundlich, wenn wieder jemand behauptet, dass Frauen ja nie Lust auf Sex hätten.

Vagina – Vagini – Vaginae

Irgendwann schreibe ich mal ein Buch mit dem Titel: „Die beknacktesten Mythen rund um die (weibliche) Sexualität“.

Seitdem ich mich für Sexualität interessiere, habe ich immer wieder festgestellt, dass das allgemeine Bild von weiblicher Sexualität und dem was ich selbst erlebe und über Freunden/Bekannten/Texten/Berichten mitbekomme eine Differenz aufweist, die größer ist als das griechische Haushaltsdefizit.

Ich gehe übrigens davon aus, dass es sich ähnlich mit der männlichen Sexualität verhält.

Selbstverständlich gibt es im Weltverbesserungsranking andere Probleme und Themen, die womöglich von größere Wichtigkeit sind, aber ich persönlich halte Sexualität für einen Dreh- und Angelpunkt bei der Definition und Gestaltung einer Gesellschaft.

Da Sexualität in unserer Gesellschaft meist im Privaten und Verborgenen stattfindet, bietet es sich geradezu an, sie zur Mythenbildung heranzuziehen und damit das ein bestimmtes ideologisches Bild von Frauen und Männern zu zementierten. Die Gefahr, dass jemand aufspringt und sagt: „Also bei mir ist das anders“ ist ziemlich gering. Niemand möchte sich im Bereich des Geschlechtsverkehrs öffentlich die Blöße geben und eine Normabweichung zugeben.

Und so entwickeln die Mythen eine ganz wunderbare Beständigkeit. Oder sie werden in völlig absurde Richtungen weiterentwickelt. Intimrasur ist beispielsweise in den letzten 15 Jahren von völlig egal zu einem absoluten Muss geworden. Ich habe den Eindruck, dass man mittlerweile Menschen zu Tode erschrecken kann, indem man ihnen Schamhaare in Nahaufnahme zeigt.

Insofern freue ich mich eigentlich, wenn es Bücher, Texte, Theaterstücke, Kunst gibt, die Geschlechtsteile thematisieren. Es schadet ganz sicher nicht den Trend der porenreinen, glatten und engen weiblichen Vagina und dem porenreinen, harten und großen Penis etwas entgegenzusetzen und darauf hinzuweisen, dass Sexualität etwas mit Schweiß, Körperflüssigkeiten, komischen Geräuschen und nicht mit flachen Bäuchen, Blumenduft, Perfektion und Hochleistungssport zu tun hat.

Theoretisch hätte auch Naomi Wolfs Buch Vagina: A New Biography* – das 2012 in den USA und im Mai 2013 in Deutschland erschien – bei einer Entmystifizierung der weiblichen Geschlechtsteile sehr hilfreich sein können. Gerade weil das weibliche Geschlechtsteil oft eher als defizitär, wenig schön und leider nicht nach Rosen duftend dargestellt wird, schadet eine Huldigungsschrift ganz sicher nicht.

Und dann passiert genau das Gegenteil.

Naomi Wolf schreibt sich in die Rage einer Vaginagöttin, die ihre persönliche Sexualität allen Frauen und vor allem den armen Frauen, die bisher ohne Orgasmus blieben, überstülpen möchte. Sie bespricht Verbindungen zwischen dem Hirn und der Vagina und schwärmt von der Weiblich-Göttlichen Offenbarung, die durch ein paar Kerzen, Rosenblätter und einem guter vaginaler Geschlechtsverkehr in jeder Frau erweckt werden kann.

Ich möchte gar nicht so sehr auf Frau Wolfs Buch eingehen – eine kleine Liste ganz wunderbarer Verrisse des Buchs findet sich am Ende des Textes – sondern vielmehr darauf, dass (weiblicher) Sex keines Mythos bedarf.

Frauen sind keine Göttinnen – und Männer keine Götter.

Ich werde immer stutzig, wenn Menschen Sexualität zu etwas Göttlichen stilisieren – und dann auch gleich dazu sagen, wie sie richtig zelebriert werden muss. Zugegeben fühlt es sich oft sehr gut an und – was mich selbst auch fasziniert – der Reiz eines Orgasmus nutzt sich nicht wirklich ab. Aber in dem Moment, in dem Sex zu etwas Mystischen wird, ist der Schritt zum Glauben an Einhörner nicht weit.

Wobei ich mir durchaus vorstellen kann, dass es für viele Menschen ein großer Spaß sein kann, sich beim Sex vorzustellen, sie seien ein Einhorn oder eine Göttin und sie dann unglaubliche 60 Minuten andauernden Orgasmus haben. Aber das geht eben nicht allen so, weshalb Verallgemeinerungen die Pest sind.

Es gibt kein Orgasmuspatentrezept

Frau Wolf schien es in ihrem Buch ganz besonders darum zu gehen, Frauen, die bisher keinen (vaginalen) Orgasmus gehabt zu haben, zu helfen. Wie so oft in diesem Bereich wird so getan, als gäbe es eine Patentlösung.

Die Tatsache, dass es – vor allem – Frauen gibt, die noch keinen Orgasmus hatten** ist schade und ganz sicher wäre es toll, wenn es hier Ratgeber gäbe, die helfen könnten. Nur die Angabe eines Göttinnnen-Patentrezepts ist so hilfreich wie der Tipp, sich beim Sex zu entspannten.

Meine Erfahrung – keine wissenschaftliche Erkenntnis, kein Dogma, sondern nur Beobachtung im weiteren persönlichen Umfeld – ist, dass die Angst vor der eigenen Fantasie und die Fremdheit des eigenen Körpers dazu führen, dass die Dinge nicht umgesetzt werden, die einen letztlich bis zu einem Höhepunkt erregen.

Entspannung und ein bestimmtes Programm mit viel Liebe und Vorspiel führen eben nicht bei jeder zum Klimax, sondern wenn überhaupt die Umsetzung des ganz eigenen Kopf- und Körperprogramms.

Und leider trauen sich viele nicht, genau dieses eigene Programm umzusetzen, weil es ihnen absurd oder pervers*** erscheint. Wenn dann auch noch beknackte Tipps von Experten hinzukommen, sehen sie sich in ihrer eigenen Unzulänglichkeit bestärkt und verlieren weiter den Mut, in die gefühlten Untiefen ihrer Sexualität abzusteigen.

Hau ab mit Orgasmusort-Hitlisten

Ein weiterer Mythos der mich in Rage bringt, ist die Klassifikation von Orgasmen nach dem Ort, an dem sie ausgelöst werden. Menschen, die anderen Menschen erklären, welche Orgasmen gut und welche weniger gut sind, machen im Grunde nichts anderes als damit anzugeben, was für heftige und korrekte Höhepunkte sie im Gegensatz zu anderen haben. Selbsterhöhung durch die Erniedrigung anderer, was für ein unsympathisches und menschenverachtendes Verhalten, ganz besonders wenn es im Kostüm des Ratgebers kommt.

Außerdem grenzen sie aus. Aktuell gibt es nach wie vor eine Fixierung auf den vaginalen Orgasmus. Das heißt diese gesellschaftliche Fixierung degradiert dann mal locker das sexuelle Empfinden all derer, die aus sexueller Orientierung, körperlichen Gegebenheiten (Anatomie, Krankheiten, Operationen usw.) oder einfach persönlichen Präferenzen keine vaginalen Orgasmen haben (können). Ich bin kurz vor einem Hitler-Vergleich.

Gemeinsam muss niemand

Ich esse sehr schnell und wenn der Mann und ich zusammen essen, ist mein Teller schon leer, während er noch gemütlich isst.

Niemand käme auf die Idee, die Qualität unserer Beziehung danach zu beurteilen, ob wir gleichzeitig mit dem Essen fertig sind oder nicht.

Wir haben einfach unterschiedliche Tempi und ich bleibe einfach mit ihm sitzen und leiste ihm Gesellschaft während er noch isst und dann bekomme ich manchmal sogar noch etwas von seinem Teller ab.

Klar könnten wir uns auch ganz doll anstrengen und versuchen, zum gleichen Zeitpunkt Messer und Gabel weglegen, genauso wie wir auch im Restaurant das gleiche Gericht bestellen könnten aber damit ist außer Zwang nichts gewonnen und ich mag auch keine Minestrone.

Klimax-Zielgerichtetheit

Während wir in quasi allen nichtsexuellen Lebensbereichen die Prokastination zelebrieren, entwickeln wir beim Sex eine Zielgerichtetheit auf den Höhepunkt, dass ein Tunnelblick dagegen geradezu vielfältig ist.

Dabei ist Intimität mit sich selbst und mit anderen per se oft sehr schön. Warum können wir stundenlang auf dem Sofa rumschlonzen, eine Soap bis zum Ende anschauen, einen ganzen Nachmittag mit einem mittelmäßigen Videospiel verdaddeln aber bei Sex erwarten wir nach 10 Minuten ein Feuerwerk und Konfettiregen?

So affig ich den Tipp finde, beim Sex einfach zu entspannen, um zu einem ersehnten Orgasmus zu kommen, so sehr beherzige ich ihn im allgemeinen Umgang mit Sex.

Denn am Ende ist Sexualität doch nur Schweiß, Körperflüssigkeiten und komische Geräusche. Für Frau Wolf würde ich mich allerdings auch auf das Wording „die Welt der Saftgöttin“ einlassen.

Links, wie versprochen

Hannah Pilarczyk hat einen sehr empfehlenswerten Artikel über Naomi Wolfs Buch geschrieben, in dem auch viele Verlinkungen zu anderen Texten über das Buch und die Debatte zu finden sind.

Laurie Penny, verreißt das Buch ebenfalls und stellt – zurecht – die Frage, wie mit einer verallgemeinerten narzisstischen Vaginashow Frauen geholfen werden soll, über ihren Körper – frei von Mythen und Dogmen – bestimmen zu können.

Zoe Heller findet in ihrer Rezension jede geistige Lücke des Textes und bohrt so genüsslich darin rum, dass es eine Freude für den Leser ist.

Anne Koedt hat bereits 1970 versucht The Myth of the Vaginal Orgasm zu widerlegen.

*Ich nehme nicht am Amazon-Partnerprogramm teil.

** Ich nenne hier extra keine Zahlen. Ich habe etwas von einem Drittel der Frauen im Kopf, das Dumme ist nur, dass bei den meisten Zahlen, auf die ich gestoßen bin, unklar ist, ob sie sich auf Frauen beziehen, die noch nie einen Orgasmus hatten, ob sie sich auf Frauen beziehen, die noch nie mit einem Partner einen Orgasmus hatten oder ob sie sich auf Frauen beziehen, die noch nie einen vaginalen Orgasmus hatten. Warum auch immer diese Unterscheidungen, es scheint aber tatsächlich so zu sein, dass es sehr viele Frauen gibt, die sich hier eine Verbesserung wünschen.

***Ich verstehe hier „pervers“ nicht im pathologischen Sinn, sondern als gesellschaftliche Wertung von Sexualität außerhalb einer sehr engen Standard-Norm.

Welche Blogs ich lese und warum: salt’n’pepa

Nachdem ich die Einleitung vor mehr drei Wochen geschrieben habe und da auch den Titel des Eintrags erklärt habe, komme ich nun schon zum Hauptteil.

Vorab: es geht um Sex, wen das stört, der soll einfach nicht weiterlesen. Außerdem sollte man die Links nicht auf dem Firmencomputer anklicken.

Für diejenigen, die sich nicht durch das ganze Vorgeplänkel quälen möchten: ich habe geschrieben, dass ich gern Texte, Blogs usw. mit sexuellem Inhalt lese und meine Liebslingsblogs auf diesem Gebiet genauso vorstellen möchte, wie meine anderen Lieblingsblogs.

Ferner bin ich der Meinung, dass wir zwar ständig von halbnackten computergenerierten Körpern und inszenierten Kopulationen umgeben sind, aber das hat mit der sexuellen Realität der meisten Menschen so viel zu tun, wie der Ku-Klux-Klan mit Martin Luther King.

Und obwohl wir ständig Sex sehen und darüber in Platitüden sprechen, ist Ehrlichkeit in diesem Bereich ein seltenes Gut. Verständlicherweise, denn Ehrlichkeit in der Sexualität führt meist dazu, dass sich außenstehende Menschen dazu berufen fühlen, die Sachlage zu kommentieren, sich darüber lustig zu machen oder Belehrungen über ein vermeintlich richtiges Sexualleben zu äußern. Zu Recht möchten sich dem die wenigsten Menschen aussetzen.

Über die „alten“ Medien kommt man jedenfalls selten an interessante Berichte, Erzählungen, Tipps usw. Das Internet ist da wesentlich ergiebiger. Aufgrund der weitreichenden Vernetzung und der relativ großen Offenheit vieler Menschen – dank der möglichen Anonymität – stellt man beim Surfen, Lesen und Recherchieren schnell fest, dass es Liebhaber für eigentlich alles gibt und man selbst mit einer sexuellen Vorliebe für Meissner Porzellan nicht allein ist. Ich glaube, dass im Internet eine stille sexuelle Revolution stattfindet und schöner als es Noah Brand in Why I Love Weird Porn schreibt, kann man das nicht zusammenfassen.

Leider gibt es relativ wenige deutsche Foren, Blogs usw, die sich mit Sexualität befassen und die ich gerne lese. Vielleicht liegt es daran, dass es auf Englisch, eine Sprache die vom Sprachduktus her schon viel lakonischer ist, einfacher ist, unaufgeregte Worte für so ein aufgeblasenes Thema zu finden.

Aber es gibt Ausnahmen. Der lakonisch-drastische Sprachstil des deutschsprachigen Blogs Seite2 Wollen Sie das wirklich so genau wissen? jedenfalls begeistert mich immer wieder aufs Neue. Das fängt schon mit dem Impressum an, das so klar und gradlinig ist, wie ich kein anderes in der Blogosphäre kenne. Die Bloggerin WG erzählt auf Seite2 in unregelmäßigen Abständen von ihrem sadomasochistischen Sexualleben.

Da das Blog, meiner Meinung nach, auf mehreren Ebenen funktioniert, ist es überhaupt nicht notwendig, sich persönlich für Sadomasochismus zu begeistern, um es gern zu lesen.

Auf der einen Ebenen finde ich es einfach interessant, Dinge über sadomasochistischen Sex zu erfahren, die man beispielsweise in Zeitschriften nur gefiltert oder vage erfährt. In Frauenzeitschriften sind ja schon Puschelhandschellen die Krönung der Dominanz. Auch fragt man Bekannte oder Freunde – selbst wenn sie solche Vorlieben haben – nicht einfach bei einem Glas Wein, wie genau sie den Partner ans Bett fesseln und wie schmerzhaft denn nun so eine Gerte ist.

Die zweite Ebene, die ich an diesem Blog so schätze, ist die Kontinuität. Kontinuität im Sinne von Fortsetzung der Geschichten. WG kürzt die Namen ihrer Männer mit dem ersten Buchstaben ab und man kann im Laufe der Wochen und Monate mitverfolgen, wie sich die Beziehung entwickelt. Ich persönlich habe bei K sehr mitgefiebert. Diese Geschichten geben dem Blog jedenfalls eine Dramaturgie, die sich David Lynch auch nicht viel besser hätte ausdenken können.

Apropos Kino, auf einer dritten Ebene ist den Texten des Blogs eine sehr spezielle Amores-Perros-artige Atmosphäre zu eigen. Entsprechend gehen mir die Texte häufig sehr nah und beschäftigen mich deutlich mehr als vieles, was ich im Laufe eines Tages oder einer Woche sonst so lese.

Ganz anders, aber ebenfalls sehr spannend ist das englischsprachige Tumblr-Blog sex is not the enemy. Im Grunde handelt es sich bei dem Blog um eine gute Sammlung interessanter Texte und Bilder zum Thema Sex. Besonders schätze ich hierbei die enorm große Spannbreite. Ich würde mir einfach aus persönlichen Präferenzen normalerweise keine gleichgeschlechtlichen pornographischen Bilder anschauen, aber Dank sex is not the enemy bekomme ich schöne Einblicke.

Besonders begeistert bin ich aber von den vielen Bildern mit ‚echten‘ kräftigen, dünnen, alten, behinderten, haarigen oder schwangeren Körpern. Im Grunde ganz unaufdringlich und entspannt wird ein einziger Punkt klar gemacht: Sexualität macht vor allem Spaß, egal wie Du aussiehst, wie alt Du bist oder ob Du eine Behinderung hat.

Die verlinkten Texte sind ebenfalls zu 90% sehr lesenswert, wenngleich ich manchmal auch etwas entnervt bin, von der ewigen Rechtfertigung für eine Sexualtiät ohne Schuldgefühle. Wahrscheinlich liegt das vor allem an den vielen amerikanischen Texten, dort scheint die Verknüpfung von Sex und Schuld noch etwas ausgeprägter zu sein, als in Deutschland.

Via Frau Fragmente wurde ich auf das amerikanische Blog 25 things about my sexuality aufmerksam. Es gehört zu den Blogs, bei dem ich sogar im Archiv gestöbert habe. Ich halte es bei den meisten anderen Blogs, die ich neu entdecke, eher mit ‚Aufwärts immer, rückwärts nimmer!‘.

Das Prinzip des Blogs ist wie folgt: jeder kann an 25thingsaboutmysexuality@gmail.com eine Liste (auf Englisch) mit 25 Dingen über die eigenen Sexualität mailen. Diese wird dann anonym veröffentlicht. Ich habe das Gefühl, dass es kaum einen anderen Ort gibt, an dem so offen und facettenreich über Vorlieben, Ängste, Beziehungen und heimliche Leidenschaften geschrieben wird.

Meiner Meinung nach erfährt man in diesem Blog mehr über die extrem variantenreiche Sexualität des Menschen als in vielen wissenschaftlichen Arbeiten zum gleichen Thema. Eine systematische Auswertung des Blogs kann ich mir sehr spannend vorstellen, wobei dabei bedacht werden müsste, dass die meisten Einträge von 18-30 Jährigen Amerikanern stammen. Die alterstechnische und geographische Varianz ist (noch) nicht so hoch.

Die Listen selbst sind von sehr unterschiedlicher Qualität, was das Blog aber nicht weniger spannend macht. Außerdem bin ich immer wieder beeindruckt, wie die Autoren – Anonymität hin oder her – diesen sehr privaten Aspekt ihres Lebens mit anderen teilen. Ihre Motivation ist häufig, endlich ihre sexuellen Gedanken durch das Aufschreiben sortieren zu können. Man merkt den Texten förmlich an, wie ganze Steinbrüche von den Herzen fallen. Häufig wird auch geschrieben, dass sie sich von den anderen Einträgen inspiriert gefühlt haben und froh waren, zu lesen, dass sie nicht die einzigen mit einer eigenwilligen Sexualität sind.

Das Projekt ist jedenfalls großartig und ich hoffe, dass es noch viele weitere Zusendungen geben wird. Neulich erst haben die Herausgeber einen kleinen Aufruf gestartet, mit der Bitte, auf das Projekt aufmerksam zu machen und/oder selbst eine Liste zu erstellen und einzureichen. (Ich für meinen Teil mache nur Werbung, keine Liste.)

Weiter geht es dann in ein, zwei, drei Tagen, Wochen oder Monaten mit dem vorerst letzten Teil der Serie „Second-Hand“.