Ich spiele nicht mit Kindern

Vor einiger Zeit traf ich nach Jahren eine amerikanische Freundin von mir wieder. Seit der gemeinsamen Schulzeit hatten wir jeweils studiert, geheiratet und Kinder bekommen. Wir saßen in Paris in einem Touristen-Doppeldecker-Bus, genossen den Ausblick und sonnten uns. Dann drehte sie sich zu mir um, kam mir etwas näher und fragte leise: “Are you the Fun Parent?” Ehrlich antworte ich: “No.” Sie strahlte mich an “Me neither.”

Nur kurze Zeit später bestätigten meine Kinder meine Aussage. Mein Sohn unterhielt sich mit dem Mann, dachte kurz nach und sagte: “Papa, ich weiß, warum Du die Mama geheiratet hast. Weil Du der Einzige sein möchtest, der lustig ist.”

Journelle
@journelle
Heute am Frühstückstisch gerülpst. Ein nie gekanntes Leuchten in den Augen meiner Kinder gesehen.

Entsprechend war dieser Tweet auch keine Koketterie, die Kinder lachen wirklich selten über mich. Sicherlich bin ich nicht das schlechteste Exemplar Mutter aber ich habe keinen Kinderhumor und ich spiele nur widerwillig mit Kindern.

Einfach weil ich es meist langweilig finde. Ich möchte nicht Feuerwehrmann Sam sein oder Penny oder ein Tiger oder eine Figur aus Star Wars. Ich hocke auch nicht gern auf dem Boden rum und ich nehme die selbst gekochten Luftgerichte meiner Kinder nur an, weil sie mich dabei so niedlich ansehen und danach zufrieden weiterspielen.

Jedenfalls schaue ich immer bewundernd auf Eltern, die stundenlang mit ihren Kindern spielen, die auf dem Boden rumkrabblen, auf sich reiten lassen und offenbar Kinderhumor verstehen und anwenden können. Ich bin eher eine verkuschelte Frau Rottenmeier.

Selbstverständlich plagt mich stets ein schlechtes Gewissen. Selbst Jesper Juul, der zunächst auch keinen Zugang zur Spielwelt seines Kindes hatte, hat sich irgendwann neben seinen Sohn gesetzt und ihn gebeten, ihm zu zeigen wie man spielt.

Dabei will ich das gar nicht wissen, ich möchte viel lieber etwas lesen oder mich mit anderen Erwachsenen unterhalten, während sich die Kinder allein oder miteinander beschäftigen.

Da ich also nicht gewillt bin, Spielen zu lernen aber gleichzeit gern mit meinen Kindern Zeit verbringe, habe ich versucht, Lösungen zu finden, mit denen wir alle zufrieden sind.

Beispielsweise gehe ich mit den Kindern gern ins Café. Dort trinken sie dann Milchschaumgetränke, bestellen für mich einen zweiten Cappuccino, dürfen mit meinem iPhone Fotos und Filme machen und anschauen und zum Schluss schreibe ich ihnen einen Zettel, gebe ihnen 10 Euro in die Hand und habe fünf Minuten Zeit zur freien Verfügung, während die Kinder bezahlen.

Oder wir gehen in den Zoo. Während ich mir keine Sorgen um den Straßenverkehr machen muss, rennen sich die Kinder müde, ich erzähle ihnen zum 15. Mal wie sich ein Nasenbär in freier Wildbahn auf meinen Schoß gelegt hat und nicht mehr aufstehen wollte, wir füttern ein paar Elefanten und fahren mit der Märchenbahn. Im Laufe der Fahrt fasse ich Märchen zusammen und wir werden in einigen Jahren wissen, ob meine despektierliche Haltung Prinzen gegenüber Früchte getragen hat.

Früher sind wir auch häufig auf Spielplätze gegangen. Aber mit der Zeit wurde mir da der soziale Druck zu groß. Die Kinder wollten dann auch nicht mehr nur im Regen oder ab einer Temperatur unter 8 Grad dorthin gehen.

Auf dem Spielplatz war ich nämlich immer die Mutter auf der Bank mit dem Smartphone in der Hand. Ich las allerlei spannenden Texte, manchmal auch Bücher, während die Kinder spielten. Ab und an trösete ich ein Kind, wies darauf hin, dass die Schaufel/der Ball/der Eimer zurückzugeben sei, weil sie uns nicht gehören und hätte entspannt sein können.

Aber ich meinte verächtliche Blicke wahrzunehmen. Blicke die mir das Gefühl gaben, eine internetsüchtige (richtig) schlechte (falsch) Mutter zu sein. Möglicherweise fanden diese Blicke nur in meinem Kopf statt aber so viele Mütter (und wenige Väter) standen im Sand, halfen, hoben, jauchzten und klatschten.

Und würde ich mich über diese Eltern jetzt lustig machen, wäre ich eine ziemlich blöde Kuh. Denn wenn eine Mutter oder ein Vater im Sand stehen möchte, um die Kletter- und Rutschkünste ihres Kindes zu bewundern und es mit Grimassen, Klatschen und guter Laune zu motivieren dann ist das eine gute Sache.

Nur ich möchte das nicht. Ich habe erlebt, wie Schuhe durch Sand zerstört worden, ich haben neben Hängebrücken gestanden und mir gewünscht, stattdessen z.B. einen Blogeintrag von Sandra Smilla Dankert zu lesen.

Natürlich weiß ich nicht, ob das der richtige Weg ist und ob meine Kinder mir nicht irgendwann vorwerfen, dass ich – außer Rummicub – nie mit ihnen gespielt habe. Und ich würde auch nicht auf die Idee kommen, das Verhalten anderen Eltern zu empfehlen.

Bei den meisten Erziehungstipps und Büchern habe ich ohnehin immer das Gefühl, dass die eigenen Vorstellungen der Autoren (pseudo-)wissenschaftlich ausgebreitet werden. Im Sinne von trau keinem Erziehungsratgeber, den Du nicht selbst gefälscht hast.

Letztlich denke ich, dass es nicht falsch sein kann, ehrlich zu sich zu sein und dann Wege zu finden, auf denen alle auf ihre Kosten kommen.