Interessensvertretung

Drei meiner Heimaten (Köln, Aachen, Hamburg Nord) liegen gemäß dieser Karte sehr eng beeinander. Gewählt habe ich dann eher wie Berlin Friedrichshain. Offenbar lebe ich auf allen Ebenen in einer Filterbubble. So weit so wenig überraschend.

Überrascht war ich am Sonntag eher darüber, dass meine digitale Filterbubble vom Wahlergebnis geradezu erschrocken wirkte. Ich hatte fest damit gerechnet, dass Angela Merkel wieder Kanzlerin wird. Persönlich hätte ich mir ein besseres Ergebnis für die Piraten und die Grünen gewünscht. Aber ich hatte mir zuvor auch schon einen Wahlkampf gewünscht, bei dem es um Themen geht.

Daran haben – neben der wohl gewollt trägen Politik – auch die Medien eine Teilschuld. Diese hypten lieber eine Idiotenpartei wie die AfD statt sie zu ignorieren und behandelten wirklich wichtige Themen, wie die schleichende Aushölung des Rechtsstaates, nur am Rande.

Der ernsthafteste Wahlkampf fand in meiner Facebook-Timeline bei Die PARTEI statt. Apropos Facebook-Timeline, die SPD machte in selbiger eher den Eindruck inhaltsloser Steinbrück-Cheerleader, was dieser wirklich nicht verdient hat.

Und dann kam der Wahlabend, angeblich so spannend wie ein Krimi. Die FDP und die AfD scheiterten an der 5%-Hürde. Das war für mich eine gute Nachricht. Frank Zimmer hat übrigens eine sehr schöne Antwort auf “Woher kommt dieser unglaubliche Hass, diese Häme auf die FDP?“ geschrieben. (via Maximilian Buddenbohm)

Den Rest fand ich vorhersehbar wie einen schlechten Tatort. Viel interessanter finde ich jetzt die Koalitionsbildung. Das Geschacher und die Verhandlungen werden wir aber leider gar nicht in Gänze mitbekommen. Ich stelle es mir einstweilen wie eine Mischung aus Borgen und House of Cards vor.

Meine Twittertimeline machte den Abend auch nicht besser. Bei jedem Tweet in dem angekündigt wurde, Deutschland wegen Unerträglichkeit bald verlassen zu müssen, kam mir die Erinnerung an einen Abend im Vereinsheim einer deutschen Siedlung in Südbrasilen in den Kopf. Die Menschen waren voller Hoffnung Ende des 19. Jahrhunderts ausgewandert und nun servierten sie deutschen Studenten Schweinshaxe mit Sauerkraut, tanzten in Trachten und sangen von einer Gitarre begleitet Regentropfen, die an Dein Fenster klopfen.

Ich möchte lieber weiterhin versuchen – und wahrscheinlich scheitern – mein Umfeld mitzugestalten. Dazu könnte gehören, über Stefan Niggemeiers Frage Können wir jetzt bitte mal über die Fünf-Prozent-Hürde reden? nachzudenken. Die Stimmen von 6,86 Millionen Menschen – darunter auch meine – sind bei der Wahl quasi verfallen, weil die von ihnen gewählten Parteien an der Hürde scheiterten.

Als konservativ-liberale Anarchistin bin ich nicht wirklich für die Abschaffung der 5%-Hürde. Aber fast 7 Millionen Wahlstimmen zu ignorieren, ist schon einen, zwei oder drei kritische Gedanken wert.

Und dann kündigte Kristina Schröder an, dass sie aus familären Gründen dem neuen Kabinett nicht angehören möchte. Wie eine Meute hungriger (gelangweilter) Wölfe fiel meine Timeline über dieses Fresschen her.

Frau Schröder gehört zu den Frauen, deren Meinung ich nicht teile, aber das trifft ebenfalls auf ca. 90% aller männlichen Politiker zu. Die Häme, mit der die Ironie ihres Schicksals kommentiert wurde, gefiel mir aber auf mehreren Ebenen nicht.

Kurz vor der Wahl schrieb Antje Schrupp Das neue feministische Männerwählen. Und sie arbeitet darin so wunderbar klar heraus, dass es eine irrsinnige Erwartung ist, dass Frauen in der Öffentlichkeit und Politik „Fraueninteressen“ vertreten sollen.

„Ihre Aufgabe ist es, für ihre eigenen Ansichten einzustehen. Sie sind nicht unsere Lakaien, sie sind freie handelnde Subjekte. Und der Kern des Feminismus, wie ich ihn verstehe, ist es doch gerade, dieser Kultur mit ihrer patriarchalen Geschichte auf dem Buckel, langsam beizubringen, dass Frauen in der Tat freie handelnde Subjekte sind.“

Die konservativen Ansichten von Frau Schröder zu kritisieren ist eine Sache, ihr aber vorzuwerfen, sie würde keine „Fraueninteressen“ vertreten, ist falsch. Sie vertritt ihre Ansicht von Fraueninteressen. Als sie ankündigte, für die Kabinettsbildung nicht zur Verfügung zu stehen, hat sie ebenfalls ihre (familiären) Interessen vertreten. Ich würde mir wünschen, dass ihr der gleiche Respekt entgegengebracht wird, wie damals Franz Müntefering, als er 2007 aus familiären Gründen seinen Rücktritt von seinen Ämtern als Minister und Vizekanzler vollzog.

Und ja, Karriere und Familie sind für Frauen schwer miteinander zu vereinbaren, Überraschung. Dagegen hat die Politik von Kristina Schröder nicht viel getan aber sie ist auch nicht Verursacherin dieser Situation.

Franziska Bluhm schreibt etwas gelassener über Kristina Schröder und ihr Rücktritt, inklusiver einiger der angesprochenen Tweets.

In diesem Sinne habe ich als frei handelndes Subjekt gewählt, meine Stimme nahm die Hürde nicht, die Regierung wird nur bedingt meine Vorstellung von diesem Land repräsentieren aber mein Blog ist meine kleine sisyphosische Möglichkeit, meine Interessen zu vertreten und ich bleibe in Deutschland, trotz des schlechten Wetters und der mittelmäßigen Poltik.

Welche Blogs ich lese und warum: Kluge Blogs

Ich halte eigentlich alle Blogger, die ich gern lese für kluge Menschen, daher ist meine Wortwahl wohl etwas misslungen. Da ich aus der Nummer aber ohnehin nicht mehr elegant rauskomme, belasse ich es dabei und konzentriere mich auf die zwei Blogs, von denen ich in diesem Zusammenhang besonders schwärmen möchte.

Auf das Blog von Antje Schrupp stieß ich vor circa 1,5 Jahren. Zu diesem Zeitpunkt glaubte ich, mit dem Feminsmus und den diversen Gender-Gedöns abgeschlossenen zu haben.

Das waren Sachen aus dem Studium, die für mein aktuelles Dasein keine Relevanz hatten. Ich hatte Mann, Kinder, einen Job und irgendwie ein ganz schickes Leben, wofür sollte ich mich mit Emanzipation, Geschlechterdefintion und feministischen Theorien auseinandersetzten?

– Weil es wahnsinnig spannend und nach wie vor wichtig ist.

Wer in Frau Schrupps Blog mal gestöbert hat, wird feststellen, wie interessant, relevant und vor allem vielseitig das Thema ist. Darüber hinaus mag ich ihren menschenfreundlichen Ansatz.

Es geht ihr nicht um Ausgrenzung oder Differenzierung, sondern mir scheint, dass ihr gerade die Vereinbarkeit von Männlichkeit und Weiblichkeit, von Familie und Beruf, von Theorie und Praxis, von Profanem und Sakralem oder von Digitalem und Realem ein besonderes Anliegen ist.

Ich freue mich jedes Mal über die Leichtigkeit mit der sie die extrem komplexen Themen angeht und sie in ihren Texten so runterbricht, dass sie leicht verständlich und vor allem unterhaltsam sind. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass man am ehesten die Welt ändern oder verbessern kann, wenn man die Menschen dort abholt wo sie sind und nicht durch Zwang und Angst in die gewünschte Ecke treibt.

Ein wenig beängstigend finde ich indessen, dass Frau Schrupps Texte regelmäßig Anker in meinen Kopf setzen. Wenn meine Kinder krank sind, muss ich immer an den letzten Satz in diesem Text denken, vor allem weil ich nur schwer Arbeit und kranke Kinder verbinden kann.

Und auch der Text über den Tod von Cesaria Evora hallt mir immer wieder durch den Kopf und flüstert mir ins Ohr, doch mal etwas königinnenhafte Souveränität auszustrahlen.

Antje Schrupps Texte sind nachhaltig, über diese Buchrezension zum Thema Geborensein habe ich nicht nur viel nachgedacht, sondern ich hatte beim Lesen einen dieser Aha-Effekte. Schließlich war ich bis dahin auch eher der Meinung gewesen, dass Kinderaustragen ein notwendiges Übel ist.

Überhaupt bin ich ein großer Freund von Antje Schrupps Buchrezensionen. Ganz einfach, weil ich die Bücher nicht lesen würde, aus Zeitmangel aber auch aus Faulheit und zuweilen Desinteresse.

Umso mehr freue ich mich darüber, dass sich jemand die Mühe macht, die Quintessenz herauszuarbeiten und mich in manchen Fällen dann sogar doch noch dazu bewegt, eine Bücherbestellung zu tätigen.

Sehr empfehlenswert ist übrigens auch Antje Schrupps Zweitblog Über Liebe und Freiheit. Eine Sammlung.

In der Schule gab es so „Meine Besten Freunde“ Bücher. Darin sollte man aufschreiben, welche Filme, Bücher, Lieder man besonders gern mochte. Je nach dem wer gerade Objekt meiner Euphorie war, schrieb ich dann gern Dinge wie „Alles von Madonna“ oder „Alle Filme mit Keanu Reeves“ oder „Alles von John Irving“.

Und würde ich heute nach meinem Lieblingsblog gefragt, würde ich wohl unter anderem schreiben: alles von Stefan Niggemeier. Und das ist viel, man findet ihn unter anderem hier, hier oder auch hier.

Besonders eigenwillig ist meine Begeisterung für Stefan Niggemeier sicherlich nicht, zählt der Gründer und Herausgeber des BILDblogs doch zu den bekanntesten und verehrtesten Bloggern von dem selbst einige meiner webfremden Freunde und Bekannten mal was gehört oder zumindestens was (gedrucktes) gelesen haben.

Der ausgesprochen flauschige und freundliche Herr Niggemeier wirkt zunächst als könnte er keiner Fliege etwas zuleide tun. Wahrscheinlich tötet er auch keine Fliegen, was ihn aber nicht davon abhält, ganz höflich und respektvoll und in wunderbar gepflegter Sprache die Dummheiten von einzelnen Menschen, Sendern und Medienanstalten oder Themenheften der Zeit zu sezieren.

Ganz besonders entzückt bin ich immer wieder davon, wie er mit einfachsten Mitteln, die Absurdität der Dinge aufzeigt. Zum Beispiel reicht die Transkription der Bushido-Dankesrede völlig aus, um die tiefe Idiotie dieses Menschen zu offenbaren.

Und die Tabellen erst. Herr Niggemeier ist das Gegenteil eines Zauberers. Er fasst und schreibt gründlich die Fakten zusammen und verblüfft dann mit den logischen Schlussfolgerungen viel mehr, als man es mit einem Taschenspielertrick könnte.

Naja und dann gibt es ja auch noch das Os-/Dus- und hoffentlich auch bald Bakulog, das Niggemeier zusammen Lukas Heinser macht.

Der Mann und ich haben uns jeden Abend darauf gefreut, es im Bett zusammen zu gucken. Ständig sind die Kinder aufgewacht, weil einer von uns laut losgelacht hat. Wegen der Kinder hören wir auch nach wie vor Rockefeller Street und noch mehr als ein Jahr später sehe ich vor meinem inneren Auge Lukas Heinser wild Fähnchen schwingend durch das Pressezentrum hopsen.

Irgendwie scheint es also egal zu sein, was Herr Niggemeier macht, es wird alles Gold oder zumindest gute und kluge Unterhaltung.

Weiter geht es dann in ein, zwei, drei Tagen, Wochen oder Monaten mit der nächsten Kategorie “Haben auch Kinder”.