Ich glaube, die Pubertät ist vor allem dafür da, enttäuscht zu werden.
Als Kind hat man das Gefühl, dass sich die Welt in der man lebt und Alice im Wunderland nur durch die albernen Kostüme unterscheiden.
Noch heute frage ich mich beispielsweise wie hoch das Feld tatsächlich überschwemmt war, in dem ich mit 8 Jahren spielte und glaubte, zwischen den Grashalmen zu schwimmen.
Die Pubertät relativiert einfach alles bisher geglaubte. Und aus super-glitter und mega-kostbar Prinzessin Lillifee wird eine billige, alberne Puppe. Das ist frustrierend und somit sollte man schlecht gelaunte 12-19jährige einfach öfter in den Arm nehmen oder zulassen, dass sie sich gegenseitig in den Arm nehmen, solange sie verhüten.
Was meine Pubertät betrifft, prallten in Florida meine vorher-nachher Version der Welt besonders geballt aufeinander, wobei vorher deutlich schillernder war.
Nach Florida kam ich, weil mich der Pastor der Methodistengemeinde, die ich während meines USA-Aufenthaltes frequentierte, auf einen gesponserten Platz setze und ich so kostenfrei an einer einwöchigen Jugendfreizeit teilnehmen konnte.
Die Reise war angelegt als Alternative für die Jugendlichen, die nicht zur Spring Break nach Panama City Beach gefahren waren.
Während der Spring Break tun junge Amerikaner Dinge, von denen sie glauben, dass sie Spaß machen, um sich Jahre später einzugestehen, dass es viel spannender gewesen wäre, ein Buch zu lesen (oder einen Porno zu gucken).
Eine Woche nach Spring Break zu reisen, ist wie hinter dem Zug aufs Gleis zu springen.
Während also noch einige Tage zuvor grölende Gangs besoffen über den heißen Sand marodierten langen wir am ruhigen Strand und lasen ein Buch.
Damals ahnte ich noch nicht, dass es sich dabei um die klügere Wahl handelte. Ich hatte gehofft, noch ein paar Zurückgebliebene unter den Palmen anzutreffen, um mit ihnen zu feiern.
Stattdessen zerrten junge Eltern ihre Kleinkinder durch die Hitze ans Wasser. Und ich verglühte. Nicht vor Leidenschaft – auch bezüglich Leidenschaft hatte ich sehr diffuse Vorstellungen, die leider lange in die falsche Richtung gingen – sondern wegen dieser unerträglichen Mischung aus Hitze und der Luftfeuchtigkeit einer türkischen Sauna.
Also ging ich ins Wasser und fühlte
mich erneut verarscht. Die Gewässer meiner Kindheit waren der Atlantik, das Mittelmeer und öffentlichen Freibäder. 21-22 Grad war meine gewohnte Schwimmtemperatur. Nun lag ich in einem Salzsee mit Körpertemperatur. Ich hätte das Leben im Uterus nachspielen können, wäre das Wasser nicht über 3 Kilometer ins Meer hinein knietief geblieben.
Ich verabschiedete mich von meinen Freundinnen, die sich – mit Hilfe eines Weckers – ebenmäßig bräunten und ging ins Kino.
Kino ist ein wenig wie für zwei Stunden im überschwemmten Feld zu schwimmen: unwahrscheinlich aber wenn man sich einmal drauf eingelassen hat, fühlt es sich echt an.
In einem angenehm temperierten Kinosaal sah ich Nachmittags also fast allein Speed und gab mich der Hoffnung hin, irgendwann einmal einen Mann zu treffen, der so schön ist, wie Keanu Reeves.
Viel später würde mich auch hier die Realität einholen aber mit 16 glaubte ich noch, dass Schönheit.., ach lassen wir das.
Mit der Dämmerung tauchte ich wieder ein in die Hitze und nur der Hinweis meiner Freundinnen, dass wir heute Abend auf den Strip gehen würden, konnte meinen völlig überforderten Kreislauf etwas aufpäppeln.
Der Strip ist das Herz von Panama City Beach. Er ist sozusagen die amerikanische Version einer Piazza nur anstelle der Motorinos gibt es Autos und anstelle von gutem Wein, fades Bier und Zwiebelringe vom Drive-Through. Ein paar Clubs, Kneipen und Restaurants sind am Randes des Strips auch zu finden.
Aber damals waren mir Marktplätze egal, ich freute mich, Teil des Ganzen zu sein und wenn es so vielen Menschen Spaß macht, abends auf den Strip zu gehen, muss es glamourös und wild sein.
Nach dem Abendessen zogen wir uns hübsch freizügig an und schmierten so viel Make-Up in unsere Gesichter, dass selbst die Hitze es nicht schmelzen konnte. Dann gingen wir geschlossen als Kirchenjugendgruppe los.
Schnell stellte ich fest, dass der Strip vor allem ein gewünschter Stau ist. Freiwillig im Stau zu stehen und sich einzubilden, es sei eine Party, ist schon ziemlich dämlich aber herausgeputzt an einem Stau vorbei zu gehen, lässt die Frage zu, ob es wirklich Intelligenz auf der Erde gibt.
Mit bröckelndem Make-Up und dem Versuch eines erhobenen Hauptes liefen wir durch den Staub des Straßenrandes, vorbei an Schritt fahrenden Autos voller grölender und kreischender Adoleszenten.
Einige Tage später wollten wir mit Delfinen schwimmen. Nicht in einem Aquarium oder einem Therapiezentrum, sondern ganz in Echt, im Meer.
Delfine waren meine Traumbegleiter bevor ich vorm Einschlafen an Lumpi (den launigen Bruder des kleinen Vampirs) dachte.
Generationen von Frauen wollten und wollen Meeresbiologie studieren wegen dieser grauen, glitschigen Tiere in Boomerangform. Und nun bekam ich die Gelegenheit mit ihnen zu schwimmen.
Im meiner Fantasie würden die Delfine und ich zu esoterischer Musik gemeinsam tanzen und die Schöpfung zelebrieren.
Wir fuhren mit einem kleinen Boot raus aufs Meer. Die Wassertemperatur war marginal kühler und nur die Kleinsten von uns konnten nicht stehen.
Persönlich bezweifle ich, dass der Golf von Mexiko irgendwo tiefer als zwei Meter ist.
Wir schnorchelten und um uns herum schwammen tatsächlich Delfine. Außerdem mehrere hundert andere Touristen.
Aber am schlimmsten waren die Leute mit kleinen privaten Booten. Dort hingen Menschentrauben über der Reling mit Fisch in der Hand.
Die Delfine interessieren sich ausschließlich für diese Boote und den dort feilgebotenen Fisch.
Delfine – so lernte ich damals schmerzlich – sind nicht die edlen Wilden des Meeres. Sie interessieren sich nicht für Menschen und hätte Flipper aus seiner Boomerangform gekonnt, er hätte uns allen den Stinkefinger gezeigt.
In diesem Moment, zwischen gierigen Definen und delirischer Hitze, wurde ich im Golf von Mexiko erwachsen.