Delfine, Speed und Strips

Ich glaube, die Pubertät ist vor allem dafür da, enttäuscht zu werden.

Als Kind hat man das Gefühl, dass sich die Welt in der man lebt und Alice im Wunderland nur durch die albernen Kostüme unterscheiden.

Noch heute frage ich mich beispielsweise wie hoch das Feld tatsächlich überschwemmt war, in dem ich mit 8 Jahren spielte und glaubte, zwischen den Grashalmen zu schwimmen.

Die Pubertät relativiert einfach alles bisher geglaubte. Und aus super-glitter und mega-kostbar Prinzessin Lillifee wird eine billige, alberne Puppe. Das ist frustrierend und somit sollte man schlecht gelaunte 12-19jährige einfach öfter in den Arm nehmen oder zulassen, dass sie sich gegenseitig in den Arm nehmen, solange sie verhüten.

Was meine Pubertät betrifft, prallten in Florida meine vorher-nachher Version der Welt besonders geballt aufeinander, wobei vorher deutlich schillernder war.

Nach Florida kam ich, weil mich der Pastor der Methodistengemeinde, die ich während meines USA-Aufenthaltes frequentierte, auf einen gesponserten Platz setze und ich so kostenfrei an einer einwöchigen Jugendfreizeit teilnehmen konnte.

Die Reise war angelegt als Alternative für die Jugendlichen, die nicht zur Spring Break nach Panama City Beach gefahren waren.

Während der Spring Break tun junge Amerikaner Dinge, von denen sie glauben, dass sie Spaß machen, um sich Jahre später einzugestehen, dass es viel spannender gewesen wäre, ein Buch zu lesen (oder einen Porno zu gucken).

Eine Woche nach Spring Break zu reisen, ist wie hinter dem Zug aufs Gleis zu springen.

Während also noch einige Tage zuvor grölende Gangs besoffen über den heißen Sand marodierten langen wir am ruhigen Strand und lasen ein Buch.

Damals ahnte ich noch nicht, dass es sich dabei um die klügere Wahl handelte. Ich hatte gehofft, noch ein paar Zurückgebliebene unter den Palmen anzutreffen, um mit ihnen zu feiern.

Stattdessen zerrten junge Eltern ihre Kleinkinder durch die Hitze ans Wasser. Und ich verglühte. Nicht vor Leidenschaft – auch bezüglich Leidenschaft hatte ich sehr diffuse Vorstellungen, die leider lange in die falsche Richtung gingen – sondern wegen dieser unerträglichen Mischung aus Hitze und der Luftfeuchtigkeit einer türkischen Sauna.

Also ging ich ins Wasser und fühlte
mich erneut verarscht. Die Gewässer meiner Kindheit waren der Atlantik, das Mittelmeer und öffentlichen Freibäder. 21-22 Grad war meine gewohnte Schwimmtemperatur. Nun lag ich in einem Salzsee mit Körpertemperatur. Ich hätte das Leben im Uterus nachspielen können, wäre das Wasser nicht über 3 Kilometer ins Meer hinein knietief geblieben.

Ich verabschiedete mich von meinen Freundinnen, die sich – mit Hilfe eines Weckers – ebenmäßig bräunten und ging ins Kino.

Kino ist ein wenig wie für zwei Stunden im überschwemmten Feld zu schwimmen: unwahrscheinlich aber wenn man sich einmal drauf eingelassen hat, fühlt es sich echt an.

In einem angenehm temperierten Kinosaal sah ich Nachmittags also fast allein Speed und gab mich der Hoffnung hin, irgendwann einmal einen Mann zu treffen, der so schön ist, wie Keanu Reeves.

Viel später würde mich auch hier die Realität einholen aber mit 16 glaubte ich noch, dass Schönheit.., ach lassen wir das.

Mit der Dämmerung tauchte ich wieder ein in die Hitze und nur der Hinweis meiner Freundinnen, dass wir heute Abend auf den Strip gehen würden, konnte meinen völlig überforderten Kreislauf etwas aufpäppeln.

Der Strip ist das Herz von Panama City Beach. Er ist sozusagen die amerikanische Version einer Piazza nur anstelle der Motorinos gibt es Autos und anstelle von gutem Wein, fades Bier und Zwiebelringe vom Drive-Through. Ein paar Clubs, Kneipen und Restaurants sind am Randes des Strips auch zu finden.

Aber damals waren mir Marktplätze egal, ich freute mich, Teil des Ganzen zu sein und wenn es so vielen Menschen Spaß macht, abends auf den Strip zu gehen, muss es glamourös und wild sein.

Nach dem Abendessen zogen wir uns hübsch freizügig an und schmierten so viel Make-Up in unsere Gesichter, dass selbst die Hitze es nicht schmelzen konnte. Dann gingen wir geschlossen als Kirchenjugendgruppe los.

Schnell stellte ich fest, dass der Strip vor allem ein gewünschter Stau ist. Freiwillig im Stau zu stehen und sich einzubilden, es sei eine Party, ist schon ziemlich dämlich aber herausgeputzt an einem Stau vorbei zu gehen, lässt die Frage zu, ob es wirklich Intelligenz auf der Erde gibt.

Mit bröckelndem Make-Up und dem Versuch eines erhobenen Hauptes liefen wir durch den Staub des Straßenrandes, vorbei an Schritt fahrenden Autos voller grölender und kreischender Adoleszenten.

Einige Tage später wollten wir mit Delfinen schwimmen. Nicht in einem Aquarium oder einem Therapiezentrum, sondern ganz in Echt, im Meer.

Delfine waren meine Traumbegleiter bevor ich vorm Einschlafen an Lumpi (den launigen Bruder des kleinen Vampirs) dachte.

Generationen von Frauen wollten und wollen Meeresbiologie studieren wegen dieser grauen, glitschigen Tiere in Boomerangform. Und nun bekam ich die Gelegenheit mit ihnen zu schwimmen.

Im meiner Fantasie würden die Delfine und ich zu esoterischer Musik gemeinsam tanzen und die Schöpfung zelebrieren.

Wir fuhren mit einem kleinen Boot raus aufs Meer. Die Wassertemperatur war marginal kühler und nur die Kleinsten von uns konnten nicht stehen.

Persönlich bezweifle ich, dass der Golf von Mexiko irgendwo tiefer als zwei Meter ist.

Wir schnorchelten und um uns herum schwammen tatsächlich Delfine. Außerdem mehrere hundert andere Touristen.

Aber am schlimmsten waren die Leute mit kleinen privaten Booten. Dort hingen Menschentrauben über der Reling mit Fisch in der Hand.

Die Delfine interessieren sich ausschließlich für diese Boote und den dort feilgebotenen Fisch.

Delfine – so lernte ich damals schmerzlich – sind nicht die edlen Wilden des Meeres. Sie interessieren sich nicht für Menschen und hätte Flipper aus seiner Boomerangform gekonnt, er hätte uns allen den Stinkefinger gezeigt.

In diesem Moment, zwischen gierigen Definen und delirischer Hitze, wurde ich im Golf von Mexiko erwachsen.

Nicht glauben können

Antje Schrupp fragte via Twitter und dann per Post und Nachklapp nach wer und warum Atheist ist und ob es sich um eine Weltanschauung oder eben keine Weltanschauung handelt.

Außerdem las ich vor kurzem diesen Zeitartikel von Tanja Dückers in dem ein Trend (zurück?) zur Religiösität ausgemacht wird.

Schon seit einiger Zeit wollte ich einen Text darüber schreiben, wie ich mich mit Religion und Glauben auseinander gesetzt habe und schließlich feststellte, dass ich Atheistin bin. Abgesehen davon, dass ich wohl einen Aufhänger dafür brauchte, fiel es mir aus zwei weiteren Gründen etwas schwer darüber zu schreiben: a) Ich möchte Religion und Religiösität nicht negativ darstellen. Viele meine Freunde finden dort Kraft und Antworten. Nicht selten beneide ich sie dafür, trotzdem merke ich immer wieder, dass ich hier anders funktioniere. b) Ich will nicht, dass mir jemand erzählt, warum ich etwas glauben soll und entsprechend erwarte ich von niemanden, dass er sich meiner Weltanschauung anschließt. Den richtigen Ton zu finden, indem man die eigene Glaubensphilosophie erklärt, ohne die anderen in einem schlechten Licht darzustellen, stellt für mich eine Herausforderung dar.

Wenngleich es in meiner Familie väterlich wie mütterlicherseits bis vor zwei Generationen eine nicht unerhebliche Anzahl an evangelischen Pfarrern und Diakonissinnen gab, bin ich fast religonsfrei ausgewachsen.

Meine Mutter wurde in den 40er Jahren nicht getauft und sah bis heute keine Grund das nachzuholen. Mein Vater und mein Bruder sind evangelisch getauft aber auch bei ihnen spielt Religion keine oder nur eine untergeordnete Rolle. Ich blieb bis kurz vor der Konfirmation ungetauft, wurde aber schultechnisch als evangelisch eingestuft und entsprechend beim Religionsunterricht mit den anderen Protestanten meiner Jahrgangsstufe zusammengepackt.

Was mich aber nicht daran hinderte, an katholischen Messen – bei uns auf dem Land gab es ja sonst nichts – teilzunehmen. Bis auf einmal blieb ich beim Abendmahl immer sitzen. Als ich einmal doch auch eine Oblate nahm, fauchte mich eine Klassenkameradin an, als Ungetaufte hätte ich kein Recht dazu. Etwas neidisch war ich auch auf meine Klassenkameradinnen, als sie zur Kommunion hübsche weiße Kleidchen trugen und mit Geschenken und Geld nur so überhäuft wurden.

Ich entschied mich mich mit 12 oder 13 Jahren bewusst dafür, am Konfirmationsunterricht teilzunehmen und vor der Konfirmation getauft zu werden. Ich fand Religion exotisch und spannend und hoffte auf Antworten.

Der Unterricht und die wöchentlichen Gottesdienste, die wir besuchen mussten, waren nichtssagend und langweilig.

Lediglich eine Geschichte die der Pastor erzählte, blieb mir seitdem im Kopf. Er berichtete aus Markus 6:32-44. Dort teilt Jesus Brot und Fisch und 5.000 Leute werden satt. Die Moral der Geschichte ist, wenn man teilt ist für alle genug da. Das gefiel mir gut und hat bis heute – dann und wann – Einfluss auf mein Verhalten.

Das mit der Konfirmation zog ich durch, allein wegen der Geschenke und der Feier und weil ich ungern auf halben Weg aufhöre.

Aber eine Epiphanie war es nicht.

Mit 16 ging ich dann ein Jahr in die Staaten und setze mich gezwungenermaßen sehr viel mit Religion auseinander.

Ich kam nach Tennessee in den Bible Belt. Meine Gastfamilie ging drei mal wöchentlich in die Kirche und es war klar, dass ich mitgehen sollte.

Nun ist es in den USA so, dass es unter den vielen protestantischen Richtungen viele Strömungen gibt. Das geht von sehr liberalen Gruppierungen die u.a. auch homosexuelle Ehen befürworten bis hin zu Gemeinden, die in Europa wohl als Sekten gelten würden.

Die Free Will Baptist Church zu der meine Familie ging, gehört zum sehr konservativen rechten Spektrum.

Interessant war auch, dass die Kirchen für gewöhnlich entweder nur von Weißen oder nur von Schwarzen besucht wurden. Es gibt also in einem kleinen Ort zwei Baptistenkirchen eine für die weißen und eine für die schwarzen Gläubige.

Ich war sehr irritiert. Für mich war Kirche der Ort an dem für Kinder in armen Ländern gesammelt wird, in dem Versöhnung, friedliches Miteinander zumindestens gepredigt aber im besten Fall auch gelebt wird.

Ich lernte nun Leute kennen, die offen zu ihrem Rassismus standen – und ihre Töchter zusammenschlugen weil sie sie knutschend mit einem Schwarzen erwischt hatten – die Waffen besaßen und sich nicht scheuen würden, diese auch gegen Personen anzuwenden. Leute, die nicht an die Evolution glaubten, weil es so nicht in der Bibel steht und die Homosexualität für eine Perversion halten, die man (mit dem Glauben) kurieren kann. Aber gleichzeitig hielten sie sich für sehr gute Christen.

Die absolute Weltsicht vieler Menschen, auf die ich dort traf und ihr Glaube der keine Facetten erlaubte, dessen oberstes Gesetz war, an Gott und Jesus zu glauben und dann erst die anderen Gebote zu befolgen, bedrückte mich. Auch weil die Hölle nicht symbolisch, sondern oft ganz real als Drohung für jede Form der kritischen Auseinandersetzung mit dem Thema genutzt wurde.

Ich hatte Glaube immer mit einem bestimmten moralischen Kodex in Verbindung gebracht insbesondere der: “Was du nicht willst, dass man dir tut, das füg’ auch keinem andern zu!” (gemäß Buch Tobit im 4. Kapitel Vers 16: “Was du verabscheust, tu keinem anderen an!”) bzw. einem entwaffnendem Pazifismus “Ich aber sage euch, daß ihr nicht widerstreben sollt dem Übel; sondern, so dir jemand einen Streich gibt auf deinen rechten Backen, dem biete den andern auch dar.” (Matthäus 5:39)

Hier wurden auf einmal Rassismus, Patriachat und Angst vor allem Fremden durch Religion begründet und untermauert. Die mannigfaltigen Möglichkeiten des Missbrauchs von Relgion wurden mir in diesem Jahr ganz besonders bewusst.

Das Positive daran war, dass ich genug Zeit, Gelegenheit und Muße fand, mich mit Glauben und insbesondere dem Christentum zu beschäftigen und festzustellen, dass Religion nichts für mich ist.

Zum einen fragte ich mich, woher der Absolutheitsanspruch vieler Religionen kommt. Jetzt mal im Ernst, wird es im Jenseits eine große Battle der Religionen geben, wer nun Recht hatte? Kommen dann die Verlierer-Religionen oder Gläubiger in die Hölle oder sonst welchen Ort, der für Falschreligiöse vorgesehen ist?

Das ist natürlich absurd und für mich einer der wesentlichen Punkte, warum ich nicht glauben kann. Wenn es so viele verschiedene Religionen und Glaubensrichtungen gibt, kann das – nach meiner ganz persönlichen Logik – nur dafür sprechen, dass Religion ein metaphysisches Abbild der Gesellschaft ist, in der man lebt. Religion kann somit – nach wie vor entspricht das meiner ganz persönlichen Logik – keine allumfassende Wahrheit sein.

Ferner habe ich ein großes Problem mit der Verantwortungsfrage. Und zwar in zweierlei Hinsicht:

Im Christentum gilt die Vergebung als ein zentrales Element.

Ich bin ein großer Freund von Vergeben und Verzeihen, es macht das Zusammenleben einfacher und freundlicher. Meine Kinder versöhnen sich jeden Tag ca. 25 Mal, der Mann und ich ca. 10 Mal, Vergebung ist ein wesentliches Element unseres Familienlebens.

Gott vergibt uns ebenfalls unsere Sünden (“Und vergib uns unsere Schuld, wie wir unseren Schuldigern vergeben.” Matthäus 6:12). Grundsätzlich ist der Gedanke sehr schön aber Gott ist für mich nicht greifbar, womit ich mich wohl im Wesentlichen von gläubigen Menschen unterscheide. Ich stehe nicht in einem Dialog mit ihm. Das heißt, es wäre absurd, wenn er meine Schuld vergeben würde, auch weil er und ich sehr unterschiedliche Auffassungen von Sünde haben.

Das fängt schon bei Eva an. Ehrlich gesagt halte ich es tendenziell für eine Heldentat, den Apfel gegen den Willen Gottes zu kosten. Im Grunde ist das was im Christentum als Sündenfall negativ konnotiert ist, eine Emanzipierung von Gott oder im übertragenen Sinne einer Loslösung von den Eltern zu einer eigenständigen Person.

Ich persönlich bin ein großer Fan von freiem Denken und Handeln. Ich finde es toll, dass Eva den Apfel probiert hat, natürlich ist die Welt nicht perfekt, aber immernoch besser als ein langweiliges Paradies.

Die Bibel und ich sind also schon von Anfang an unterschiedlicher Meinung, ich möchte nicht zurück ins Paradies und entsprechend ist der Erlöserteil für mich dann auch irrelevant.

Zurück zur Vergebung. So wichtig Vergebung für den gesellschaftliche Umgang ist, so finde in es trotzdem bedrückend, wenn das Wissen, dass Gott schon vergeben wird, quasi jedes Fehlverhalten relativiert.

Ferner habe ich (zu) oft erlebt, wie die Verantwortung für das eigene Verhalten in die metaphysische Hände von Göttern, Teufeln und Dämonen geschoben wird.

Ich reagiere immer sehr ungehalten, bei der Verschiebung von Verantwortung. Ich merke zum Beispiel an mir selbst zyklus, müdigkeits- oder krankheitsbedingt Verhaltensänderungen. Gleichwohl halte ich es für eine billige Ausrede mein Verhalten mit Hormonen, einer Krankheit, meinem Geschlecht oder auch dem Verweis auf evolutionäre Entwicklungen oder was auch immer zu begründen.

Ich fühle mich letzten Endes immer für mein Verhalten verantwortlich. Ich kann es mir herleiten, wieso ich mich so oder so fühle oder ich kann nachvollziehen, warum ich etwas wie getan habe, aber für die Handlung bin ich verantwortlich. Götter und Dämonen haben – meiner Meinung nach – nichts damit zu tun.

Natürlich liegt vieles in meinem Leben nicht in meiner Hand und nicht in meiner Verantwortung. Von mir geliebte Menschen oder ich selbst können schwer krank werden, ihre Lebensgrundlage durch Jobverlust verlieren, es können Unfälle, Todesfälle, Überfälle und was es sonst noch an tragischen Lebenswendungen passieren, die nicht beeinflussbar sind.

Hier ist der Punkt an dem ich gläubige Menschen häufig beneide. Denn – so habe ich den Eindruck – sie konnten diese Schicksalsschläge viel besser akzeptieren und damit umgehen. Gott wird schon seinen Grund haben und einem nichts aufbürden, das man nicht auch tragen kann. Diese Idee gefällt mir.

Im Laufe des Aufenthalts in den USA bin ich zur relativ liberalen methodistischen Kirche einer Freundin gewechselt. Ihr Vater war dort “Preacher” und in dieser Kirche fand ich einen Großteil meiner moralischen Werte repräsentiert. Meine Gastfamilie akzeptierte, dass ich lieber mit meinen Freundinnen zur Kirche ging (so lange ich ging) und ich fand in der Tat das Gemeindeleben spannend und schön.

Eine weitere gemeinsame Freundin besuchte diese Kirche auch und ihr und ihrer Familie ging es eine Zeit lang nicht gut. Eines Sonntags sah ich sie vor dem Altar knien und beten. Danach schien sie deutlich ruhiger, gefasster, so als wäre ihr eine Last von der Seele genommen worden.

Ich bewundertere und beneidete sie in diesem Moment für ihren Glauben und die innere Ruhe die dieser ihr schenkt.

Zu gern, dachte ich damals, würde ich auch gern glauben können aber gleichzeitig wurde mir klar, dass ich es nicht kann. Ich muss andere Wege für mich finden.

Deutschland: 12 Punkte

Irgendwann bekam ich bei Formspring mal die Frage, welche unpopuläre Meinung ich vertreten würde. Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich zugebe, dass ich Loriot und Ricky Gervais meist überhaupt nicht witzig finde, aber das war mir zu peinlich.

Also gebe ich lieber zu, dass ich Deutschland richtig gut finde. Nicht grandios, im Sinne von, ich häng mir eine Fahne in den Garten oder ich schlag Dich zusammen wenn Du mein Land beleidigst. Eher im Sinne von: wenn das mit der Erderwärmung voran geht, dann gibt es wirklich keinen Grund mehr für mich, woanders leben zu wollen.

In der Pubertät war ich sehr engagiert, ich ging nicht mehr in Delfinarien und habe insgesamt 5 Briefe an Dikatoren geschrieben, mit der Bitte doch den ein oder anderen politischen Gefangenen frei zu lassen. In dieser Phase meines Lebens wurde ich zwar nicht Vegetarierin, das wäre wohl zu konsequent gewesen, aber ich haderte sehr mit meinem Land. Und milde ausgedrückt, gibt es ja auch genug Gründe Deutschland wenigstens skeptisch zu beäugen.

Mit 16 ging ich dann für ein Jahr in die USA und aus dem “Ich schäme mich für mein Land” wurde kein “I am so proud of my home country Germany” sondern ein “Bin ich froh, dass ich in einem säkularen und rational gesteuerten Land aufgewachsen bin”. Selbstverständlich muss man die USA sehr differenziert betrachten, aber in dem kleinen Südstaatenkaff, in dem ich mich auf einmal wiederfand, betrachteten die meisten Menschen die Dinge auch nicht differenziert.

Das Weltbild dort war für mich gleichzeitig schockierend, beängstigend und faszinierend. Es gab dort einen allmächtigen männlichen Gott, eine reale Angst vor der Hölle und dem Teufel, keine Evolution, sondern eine ein paar tausenden Jahre alte Erde, Sünde überall, jeden Morgen in der Schule eine Pledge of Allegiance, einen sehr lebendigen Rassismus, viel Liebe für Waffen und eine sehr klare und unanfechtbare Vorstellung der Rollen von Mann und Frau.

Also ging ich drei Mal die Woche in die Kirche und ließ mir von einem schlecht gekleideten Prediger ins Gesicht schreien, dass wir alle in die Hölle kommen werden, ich bekam mit, dass der Football-Trainer seiner Tochter ein blaues Auge geschlagen hatte, weil er sie beim Knutschen mit einem Schwarzen erwischt hatte, hörte zu wenn meine Gastmutter mir von dem täglichen (schlechten) Rüberrutschsex erzählte aber sich immerhin über die Geschenke freute, die sie dafür bekam und erklärte im Geschichtsunterricht, dass es einen Unterschied zwischen dem 1. und dem 2. Weltkrieg gab.

Die Menschen dort als dumm zu bezeichnen wird der Situation allerdings nicht gerecht, denn Dummheit gibt es hier genauso viel. Vielmehr wurden sie schon früh auf das Ignorieren und Ausblenden trainiert. Was nicht sein darf, kann auch nicht sein. Es ist also durchaus möglich, Freunde zu finden, die man für sehr intelligent, lustig und überhaupt großartig hält, aber die bei manchen Themen einfach eine große schwarze Wand hervorschieben, um Logik oder Sinnfragen auszublenden.

Immer wieder wurde mir bewusst, dass Deutschland ein gutes Land zum Aufwachsen ist. Ich erinnere mich an meine Schulzeit als etwas langweilig aber auch als angenehm unaufgeregt. Ich hatte immer den Eindruck, dass ich sowohl von meinen Lehrern als auch von meiner Familie in Ruhe gelassen wurde, solang ich mich an formale Regeln, wie Pünktlichkeit, Verbindlichkeit und Höflichkeit hielt.

Ich durfte mit 14 Jahren in die Diskothek gehen, weil klar war, dass ich mit einem Taxi nach Hause fahren, spätestens um 2 Uhr im Bett liegen und am nächsten Tag um 7:30 zum Frühstück erscheinen würde. Außerdem endete ich meist im dörflichen Jugendheim, weil meine Freundinnen nicht so viele Freiheiten genossen wie ich.

Wenn ich zu Hause wild rumphilosophierte wies meine Mutter mich auf den völlig übertriebenen Pathos meiner Aussagen hin und empfahl mir Simone de Bouvoir, die russische Literatur und einfach mal die Klappe halten. Nie wäre es ihr aber in den Sinn gekommen, mich von irgendetwas fernzuhalten.

Selbst Barbara Cartland durfte ich lesen, es gab keine schwarzen Bücher und keine abgeschlossenen Bücherschränke. Als ich irgendwann mal Interesse bekundete, eine Porno zu sehen, wurde mein Bruder in die Videothek geschickt, um mir einen solchen auszuleihen, ich war ja noch nicht 18.

Natürlich kann man argumentieren, dass ich in einem sehr liberalen Haushalt aufgewachsen bin, allerdings hatte ich auch bei meinen Freunden und Klassenkameraden den Eindruck, dass sie – mit mehr oder weniger großen Abstufungen – ähnlich aufwuchsen.

Als ich dann mal eine Zeitlang in Italien lebte, stellte ich dann fest, dass es nicht nur schön ist, in Deutschland aufzuwachsen, sondern auch dort zu leben, Kinder zu bekommen und arbeiten zu gehen.

Jedes Mal wenn ich auf meinem Kontoauszug die Abbuchung der Miete und des Stroms sehe, denke ich daran zurück, wie ich immer am Anfang des Monats mit 100 Rentnern in einer 10m2 großen Postfiliale stand, mich durch Ellebogen und Geh-Schlag-Stöcke kämpfte, um dann endlich in Bar die Nebenkostenrechnungen zu bezahlen.

Von der Vermieterin mal abgesehen, die auf einmal nach 7 Monaten pro Übernachtungsgast und Nacht 15 Euro verlangte, weil sie mir ja schließlich nur den Schlafplatz und nicht das Zimmer vermietet hätte. Der Mietschutz in Neapel war die Drohung zur Polizei zu gehen und dort die Vermieter wegen Steuerhinterziehung anzuzeigen. Die Mieteinnahmen wurden selbstverständlich nie dem Finanzamt gemeldet.

In Italien lassen sich die Dinge am Ende immer regeln, aber der Stress vorher hat mein deutsch-strukturiertes-Gehirn völlig aus dem Konzept gebracht.

Genauso wie ich tagelang nicht begriff, warum die von mir angerufenen Dienstleister nicht taten, was ich ihnen sagte. Ich arbeitete damals für ein paar Wochen in einer italienischen Notrufzentrale und hatte ständig Schwierigkeiten, die Leute zu motivieren, meinen Kunden zu helfen. Ich verstand es nicht, schließlich sorgte ich mit meinen Aufträgen für ihren Lebensunterhalt.

Irgendwann beobachtete ich meinen deutlich erfolgreicheren italienischen Kollegen. Seitdem begann ich ein Gespräch nicht mehr mit einem Buongiorno und den relevanten Daten für den Vorgang, sondern fragte nach dem Wetter, der Gesundheit des dementen Onkels und danach, was es denn zum Mittag gab oder zum Abendessen geben würde.

Außerdem begriff ich, dass Kinder bei der Bearbeitung eines Vorgangs für eine deutliche Geschwindigkeitssteigerung sorgen konnten. In schwierigen Fällen erzählte ich also ausschweifend von dem Baby, das ich im Hintergrund hatte weinen hören.

Es ist unglaublich wie schnell die Italiener beim Thema Kinder werden. Wahrscheinlich wurde der Ferrari irgendwann mal als Krankenwagen für Notfälle bei Kleinkindern entwickelt.

Zurück in Deutschland fühlte ich mich bei den 3-Minuten-Gesprächen mit unseren Partnern wieder wie ein Fisch im Wasser. Es ist mir nach wie vor ein Rätsel, wieso man dringende Sachen unnötig verzögern sollte.

Und dann die Sache mit den Männern. Nun lässt sich auf mein Liebesleben keine empirische Studie aufbauen, aber wenn mir ein Mann, der noch bei seinen Eltern wohnt und mir bis zu Brust reicht sagt: „Provaci (Probier uns aus)“ dann werde ich freudig erregt bei dem Gedanken an blasse, ernste Männer, die Wäsche sortieren können.

Wahrscheinlich kommt man einfach immer da zurecht, wo man die Gegebenheiten uns Sitten kennt, wo man sich perfekt verständigen kann und wo selbst die beknackteste Doktrin als solche nicht auffällt, weil man sie mit der Muttermilch aufgesogen hat.

Wahrscheinlich bin ich einfach auch nur noch viel spießiger, als ich ohnehin schon denke, aber ich mag es hier. Es ist so ist so beschaulich und organisiert. Man muss nicht verhandeln um Dinge, die ausgezeichneten (im wörtlichen nicht im übertragenen Sinn) Preise werden einfach bezahlt. Es gibt Anträge für eigentlich alles und sogar Anlaufstellen, die die Anträge erklären.

Es gibt ein Steuersystem, das komplexer ist, als die Bordelektronik des Raumschiff Enterprise, am unterhaltsamsten sind die Deutschen beim twittern und Euphorie sieht man vor allem in den Gesichtern der Zuschauer des Musikantenstadels.

Bodenständigkeit gilt als eins der größten Komplimente und das Essen ist eigentlich wie das ganze Land: nicht raffiniert aber ehrlich. Und wenn das zu langweilig ist, geht man eben zum Italiener nebenan, denn dogmatisch sind wir nicht.