Offener Brief ähm Rant

Liebe Kitakläger, Hospizverweigerer, Wohnprojektverhinderer und überhaupt Freunde und Anhänger des aseptischen Lebensumfelds,

ich möchte Ihnen hier mit meine umfassende Verachtung mitteilen und Sie darauf hinweisen, dass Ihr Karmakonto wohl den Tiefstand des Marianengrabens erreicht hat.

Vor ein paar Jahren haben ein paar von Ihnen versucht, die Kita meiner Kinder wegzuklagen, derzeit stören sich ein paar andere aus Ihrem Team an Kinderlärm und Sandstaubentwicklung in St. Georg.

Vor einiger Zeit hatten sie Angst vor einem Wohnprojekt für Kinder mit biografischen Belastungen. Warum sollte man ein Projekt starten, um Kinder und Jugendliche zu helfen? Wenn sie später auffällig und gewalttätig werden, kann man sie doch ganz einfach wegsperren, aber bitte irgendwo auf eine Insel in der Nordsee.

Ganz zu schweigen davon, dass ein Hospiz einfach nicht ins Wohngebiet gehört. Das verstehe ich, was sucht der Tod schon im urbanen Raum. Der kann schön raus ins Industriegebiet.

Das alles sind nur ein paar Fälle von vielen in Hamburg, deutschlandweit werden es wohl noch Tausende mehr sein.

Manchmal frage ich mich, wieso meine Kinder auf komische Ideen kommen.
Zum Beispiel, wenn sie ihr Bett mit Paniniaufklebern von der WM 2010 bekleben möchten, wenn sie anscheinend motivationslos einfach anfangen, um die Wette zu schreien oder sich gegenseitig so lange schupsen, bis einer weint.

Ich finde ihr Verhalten dann nervig bis saublöd, aber dann erinnere ich mich, dass ich manchmal auch das Bedürfnis habe, Menschen einfach eine Ohrfeige oder einen ordentlichen Schlag in dem Nacken zu verpassen.

Und da kommen Sie wieder ins Spiel. Das würde ich nämlich gern bei Ihnen machen.

Glücklicherweise funktionierten meine Regulationsmechanismen oft besser als die meiner Kinder und wenn ich doch mal laut werde, dann schäme ich mich nachher und entschuldige mich.

Also schlage ich Sie nicht, auch wenn ich genau dieses Bedürfnis in mir fühle, wenn ich von Ihnen lese.

Offensichtlich haben Sie keine Regulationsmechanismen. Ihnen gefällt der Lärm von Kindern nicht.

Warum eigentlich? Sie müssen den Streit doch gar nicht schlichten, keine kleinen Wunden verarzten, keine Kinder auf Schaukeln heben oder die vollgekackte Windel wechseln. Sie können ganz entspannt zusehen wie kleine Menschen aufwachsen. Im Zoo müssten Sie dafür viel Geld bezahlen und die Tiere sind oft lauter und geruchsstärker.

Aber zurück zu Ihren Regulationsmechanismen. Sie mögen den Lärm nicht und ihre Fenster werden von dem Staub dreckig – haben sie eigentlich auch schon die Bäume verklagt, die ihr Auto mit klebrigen Harz volltropfen? – und anstatt sich mal gehörig zu ärgern, es dann aber als gegeben hinzunehmen und sich lieber zu fragen, was das Leben aus Ihnen gemacht hat, dass Sie von Kinderlärm genervt sind (und nicht von Ihrem Chef, Ihrem Partner, der Supermarktkasse, den vielen Baustellen, den Touristen im Viertel, der Ampelschaltung, um mal das Störungsspektrum zu erweitern) verklagen Sie eine Kita?

Sie nutzen Ihre kostbare Zeit und Ihr Geld, um einen Anwalt aufzusuchen, damit dieser eine Kita für Sie verklagt? Sie möchten Zeit in einem Gerichtssaal verbringen, damit Kinder zukünftig am besten neben einem Hafenterminal betreut werden?

Gestatten sie mir die Frage, fühlen Sie sich dabei nicht ein wenig armselig?

Ihnen fehlt offenbar genau die Fähigkeit, die Sie bei Jugendlichen, die wahllos Menschen in der Ubahn zusammenschlagen, so empörend finden.

Sie können Ihren ersten Impuls nicht unterdrücken. Kinder laut, Jugendliche böse, Totgeweihte eklig, Behinderte verstörend, Ihnen gefällt das nicht.

Eine reifer, erwachsener Menschen würde sich überlegen, ob die Empörung, der Ärger und die Angst gerechtfertigt sind und dann in 99% der Fälle feststellen, dass man gerade überreagiert hat und es dabei belassen.

Sie aber können sich nicht selbst in Schach halten, Sie klagen alles, was nicht in ihr Weltbild passt, weg.

Und traurigerweise sind Sie womöglich auch noch stolz darauf. So können Sie es den Kindern, den Behörden und überhaupt allen geben und zeigen. Sie Hecht Sie!

Eine weitere Frage stellt sich mir. Warum leben sie in der Stadt? Der kulturellen Vielfalt wegen? Damit Sie am Wochenende ins Museum, in ein gutes Restaurant, ins Theater und anschließend in eine Bar gehen können? Das alles befindet sich für Sie fußläufig oder zumindest nur ein paar Ubahn-Stationen entfernt.

Weil Sie dort alles auf kleinem Raum finden, was Sie brauchen? Ihren Obstspezialisten, den orthopädischen Fachhandel, den Hauptbahnhof, das Krankenhaus und den Antiquitätenhandel?

Die Vielfalt einer Stadt ist ihr Kapital, das sehen Sie genauso, wenn es um Ihre Interessen geht.

Aber Vielfalt ist eben nicht nur das was Sie mögen, sondern Vielfalt bedeutet auch Menschen die anders sind als Sie, die andere Bedürfnisse haben als Sie. Klingt komisch, ist aber so.

Die Vielfalt der alten Menschen mit Rolatoren in meinem Edeka zum Beispiel nervt mich zuweilen. Sie versperren alles, sie sind langsam, nehmen das Fachpersonal so lange in Anspruch, dass ich selbst nach Arganöl suchen muss und zählen ihr Geld an der Kasse langsam und bedächtig ab.

Aber sie gehören dazu. Wer das Eine will muss das Andere mögen. Und deshalb rege ich mich an guten Tagen nicht auf, sondern helfe den Damen und Herren, ihre Einkäufe in die Tüte zu packen. So bin ich schneller dran und die Herrschaften bedanken sich für die Hilfe.

Verrückt, wie einfach friedliche Koexistenz manchmal sein kann, nicht wahr?

Mir wäre es auch unangenehm, wenn ich feststellen müsste, dass ich mich selbst nicht kontrollieren kann und wenn mir von einem
Moment auf den anderen klar wird, dass Medaillen meist zwei Seiten haben.

Aber wissen Sie, wir vergessen das Ganze einfach. Es geht schließlich um respektvolles Miteinander. Ich muss Sie ertragen und Sie mich.

Also verliere ich kein Wort mehr darüber wenn Sie die Klage zurückziehen, sich alle paar Monate einen Fensterputzer bestellen, um die Sandverwehungen zu entfernen und im Privaten gern weiter bestimmte Menschengruppen doof finden.

Man muss nicht alle und alles mögen, aber als Teil einer Gruppe – die Bevölkerung einer Stadt, eines Dorfes usw. – muss man sich arrangieren, nicht klagen.

Genauso wie Sie im Winter eben auch eine dicke Jacke tragen, statt den Wetterbericht vor Gericht zu zerren.

Wenn sie sich partout nicht damit anfreunden können, dass die Welt anders ist als Sie sich nachts in ihrem warmen, ruhigen Bett erträumen, sehe ich nur eine einzige Lösung: kaufen Sie sich auf dem Land ein Grundstück – bitte nicht im Dorf, da gibt es auch eine Gemeinschaft, mit der Sie zurecht kommen müssten – bauen Sie darauf ein Haus und umfassen dieses mit einem Stacheldrahtzaun, einer Mauer und kontrollieren von Ihrer Schaltzentrale im Panic Room Ihr Anwesen. Seien Sie eine kleine, triste und einsame Insel.

Klingt ziemlich bekloppt?

Hm, ziehen Sie einfach die Klage zurück.